Beignets au Brocciu – Korsische Krapfen mit Ziegen- oder Schafsfrischkäse

Brocciu ist der korsische Ziegen- oder Schafsfrischkäse. Für die Beignets könnt ihr ersatzweise auch Ricotta nehmen, wobei dann etwas von dem authentischen Geschmack verloren geht. Auf Korsika, und nur dort, könnt ihr die fluffigen Bällchen an jeder Ecke kaufen. Sie sind so köstlich, dass man mehr davon isst, als man sollte. Ohne diese Beignets, in Fett ausgebackene Krapfen, ging bei einer Verlobung gar nichts. Hatten beide Parteien hineingebissen, galt das Eheversprechen als bindend. Also, achtet drauf, mit wem ihr sie teilt!

Das folgende Rezept stammt aus dem wunderbaren Buch von Nicolas Stromboni „Du pain, du vin, des oursins“, das in unserer Ferienwohnung lag. Der Klassiker in Punkto korsische Spezialitäten sowie Träger des Prix Figaro du livre gourmand 2016 (siehe auch Foto oben). Mehr als ein Kochbuch, erfährt man Wissenswertes zur korsischen Kultur und Geschichte. Gewürzt mit einem guten Schuss korsischen Humors. Ich habe mir erlaubt, das Rezept für die Beignets frei zu übersetzen. Natürlich nur so frei, dass sie noch gelingen.

Ihr braucht:

Eine Küchenmaschine. Ein Rührgerät tut`s auch. Einen tiefen Topf zum Frittieren.

Zutaten:

500 g Brocciu bzw. Ricotta

500 g Weizenmehl (Type 405)

2 Eier

2 TL Weinbrand

1 Päckchen Backpulver

Weißer Zucker zum Wenden

2 Liter Erdnussöl (z.B. von Lesieur)

Am Morgen:

Mehl, Backpulver, Eier, Weinbrand miteinander verrühren. Soviel lauwarmes Wasser hinzufügen, dass ein geschmeidiger Teig entsteht. Achtung, er darf nicht flüssig werden! Einen halben Tag bei Raumtemperatur ruhen lassen.

Am Nachmittag:

Das Öl in einem hohen Topf erhitzen. Den Brocciu bzw. Ricotta in etwa haselnussgroße Stücke brechen. Diese auf dem Teig verteilen und jeweils von Hand mit Teig umhüllen und zu tischtennisballgroßen Klößchen formen. Vorsichtig in das sehr heiße Öl geben. Wenn die Beignets goldgelb sind, mit einer Schaumkelle herausnehmen. Auf Küchenkrepp abtropfen lassen. In Zucker wälzen und noch warm servieren.

Un bellu appetitu

Eure Stina

Gut und günstig essen auf Korsika. Das geht!

Da kann einem schon der Atem stocken. Spaghetti Carbonara für 18 Euro? Ganz zu schweigen von den Preisen für genuin korsische Köstlichkeiten. Da scheint der Gang zum Supermarkt unvermeidbar. Doch auch mit kleinerem Budget lässt sich auf Korsika hervorragend speisen. Sogar im Restaurant.

gut essen in Ajaccio
Schlau muss man sein

Hier meine vier Restaurant-Highlights aus Ajaccio im wunderschönen Südwesten der Insel:

Pizza Ind`è Petru
Die Echte.

Die wohl beste Pizza Ajaccios, wenn nicht ganz Korsikas, bekommt ihr bei Ind´è Petru. Bei Petru also. Vor Ort oder zum Mitnehmen. Zu einem richtig guten Preis-Leistungsverhältnis. Ganz versteckt, liegt das Mini-Restaurant in einer Seitengasse zwischen der belebten Rue Fesch und dem Cours Napoléon, den beiden Haupteinkaufsmeilen der Stadt. Zufällig haben wir die Leuchtreklame entdeckt, auf dem der Chef de Cuisine höchstpersönlich „La vera pizza napoletana“ verspricht. Die Pizzeria: Von außen unscheinbar, von innen pragmatisch, schnörkellos, aber authentisch. Über allem wacht, aus hübsch bemaltem Gips, Jesus. Der ist schon mal vero italiano. Prunkstück jedoch ist der Pizza-Ofen ebenfalls made in Italy samt Kupferhaube, mit dem der Maestro seine delikaten Pizzen zaubert. Petru schmeißt den Laden ganz allein. Mit Bravour und Herzlichkeit. Etwas Geduld sollte man bei diesem Ein-Mann-Betrieb schon mitbringen, ein korsisches Pietra, ein Bier aus Kastanienmehl, bestellen und zusehen, wie Petru den Teig hingebungsvoll knetet, auf die Arbeitsplatte wirft, ihn herumwirbelt, belegt, würzt, um sein Werk dann mit Verve in den Ofen zu schieben.

Vier Tische gibt es. Und die sind meist belegt. Von Einheimischen, was allein schon ein Gütesiegel ist. Familien, Freunde, Geschäftsleute gönnen sich hier eine Pizza der Extraklasse. Lokalkolorit pur. Die französische Pizza unterscheide sich von der italienischen gar nicht so sehr, erklärt uns Petru. Wer aber eine echte wolle, der müsse eine nach neapolitanischem Rezept probieren. Wie z.B. die Regina Bianca. Mit Crème fraîche, Mozzarella, Schinken, Champions. Duftend kommt sie aus dem riesigen Ofen. Direkt auf meinen Teller. Una maraviglia! Ein Wunder! Hier könnt ihr es erleben: Ind`è Petru, 2, rue Docteur Versini, 20000 Ajaccio, Tel. 0495289936 – 0638931495

Muscheln sind nicht gleich Muscheln, erfahren wir bei Chez Alain in Porticcio, Meerblick inklusive. Man sitzt auf der schattigen Terrasse oder im geschmackvoll eingerichteten Restaurant. Fruits de mer et Poissons, Meeresfrüchte und Fisch gibt es hier. Auch Fleisch- und Nudelgerichte. Vor allem aber wird hier die hohe Schule der Muschelzubereitung zelebriert. Abenteuerliche Kreationen kommen da auf den Tisch, üppige Portionen, dazu frisches Brot. Willkommen im Olymp der Muschelgourmets! Unbedingt probieren sollte man Muscheln mit Myrte und Minze in safrangelb leuchtender Soße. Ein Gedicht! Die Nachspeisen sind ganz bestimmt nicht kalorienarm, dafür super lecker. Tiramisu mit Kastanienmousse – Sensationell! Man bekommt viel für´s Geld. Erst spät am Abend wird uns wieder der Magen knurren.Der Service ist schnell, professionell, freundlich. Das ist auf Korsika nicht selbstverständlich. Le Patron sorgt gut gelaunt für reibungslose Abläufe. Ein Vergnügen. Vor allem nach ausgiebigem Baden im turkosen Meer.

Wie soll`s im Urlaub schmecken? Wie bei Mama. Nicht wie bei unserer, sondern jener von Maria, Tomàs usw. Voilà, Da Mamma. Zwischen Cours Napoléon und Rue Fesch. Eine wirklich dunkle Gasse. Sind wir hier tatsächlich richtig? Vorsichtig klettern wir die Stufen hinab um in den Innenhof eines der begehrtesten Restaurants Ajaccios zu gelangen. Über uns breitet ein riesiger Baum seine riesigen Blätter aus. Auf den geschmackvoll gedeckten Tischen leuchten Windlichter. Wir sind im Innenhof des Da Mamma. Noch ist nicht viel los. Aber das wird sich innerhalb weniger Minuten ändern. Deshalb sollte man hier unbedingt reservieren. Alle möchten, solange es noch warm ist, draußen sitzen. Das Essen ist mediterran inspiriert. Ungekünstelt, bodenständig, allerdings mit dem kleinen, schicken Extra. Herzhaftes Gemüse, Fleisch, gegrillter Fisch aus heimischen Gewässern, frische Salate, Pasta. Die Menüs sind mit Bedacht komponiert, variationsreich. So kann ich mir tatsächlich mein Menü zusammenstellen. Der Schwerpunkt liegt auf korsischen Spezialitäten. Zum Aperitif genieße ich einen Vin de Châtaigne, einen Kastanienwein, sämig, süß-herb. Der Service ist freundlich, unaufdringlich. Wer also gediegen speisen möchte, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen, ist hier richtig.

An unserem letzten Abend in Ajaccio entdecken wir Sakura, ein japanisches Restaurant in einer kleinen Seitengasse zur belebten Rue Roi du Rome. Alles hier atmet Nachhaltigkeit. Die ist dem Team von Sakura äußerst wichtig: Selbst die Mitnahme-Artikel wie Schalen, Besteck sind recycelbar. Man möchte mit der Natur, nicht gegen sie arbeiten. Wichtig ist auch das Dekor: Japanisch zurückhaltend. Ebenso wie der überaus freundliche Service. Aus einer reichhaltigen Karte kann man u.a. Sushi, thailändische Gerichte, Miso-Suppen, wunderbar exotische Nachspeisen wählen. Für kleines Geld bekommt man äußerst frisches Gemüse, Früchte, Fische und Fleisch. Weit entfernt von jedweder asiatischer Glutamat-Orgie. Hier schmeckt man jedes Gewürz, jede Zutat. Mein Poulet aux noix de cajou ist erstklassig. Die Kalifornia-Box meines Mannes mehr als reichhaltig. Ein weiteres Highlight ist die Karte für asiatische alkoholische Getränke, die optimal auf das Essen abgestimmt sind. Einen Tisch reservieren sollte man auch hier, da das Restaurant, wie auch der Außenbereich nicht allzu groß sind.

So, das waren also meine vier Restaurant-Highlights. Allerdings möchte ich euch noch auf einen weiteren persönlichen Favoriten mit dem beziehungsreichen Namen Il était une fois aufmerksam machen.

Plüschige Meeresbewohner

In der rue Fesch, Nummer 56, liegt dieser wunderschöne Spielzeugladen, der nicht nur die Herzen von Kindern höherschlagen lässt. Inhaberin ist Madame Pascale Casanova, die bereits in jungen Jahren Großmutter wurde, und ihre liebe Not hatte, das passende Spielzeug für den frischgebackenen Enkel zu finden. Sie entschloss sich kurzerhand selbst einen Spielzeugladen zu eröffnen. Handverlesene Spielsachen anzubieten, welche die Phantasie anregen und dabei dieses Leuchten in die Augen von (wie gesagt: nicht nur) Kindern zaubern sollte, das Eltern nur schwer ignorieren können. Nach dem Vorbild der Pariser Kaufhäuser dekoriert Madame die beiden großen Schaufenster jahreszeitlich und thematisch mit schier umwerfender Kreativität. Ich erinnere mich, wie fasziniert ich als Kind von jenem Teddy war, der über der Tür des Spielzeuggeschäfts unseres Vertrauens Seifenblasen in die sommerlich blaue Luft blies. Und so fühlt man sich beim Anblick von Frau Casanovas Kreationen in selige Kindertage zurückversetzt. Egal also, ob ihr Prinzessin, König, Rennfahrerin, Koch oder Ärztin werden möchtet, hier seid ihr gut beraten.

Tröstlich, dass es neben Spielzeug-Handgranaten am Flughafen, die man hoffentlich nicht mit ins Flugzeug nehmen darf, so ein Kinderparadies noch gibt. Il était une fois

Und jetzt noch ein allerletzter korsischer Favorit, diesmal zum schmausen:

Beignets au brocciu.

Aber das Rezept verrate ich euch auf einer extra Seite. Einfach im Suchfenster eingeben! Wer mehr über Korsikas Südwesten erfahren möchte, findet hier Reisetipps.

Fahrt mal hin

Eure Stina

Darf´s etwas mehr sein? Oder: Gegen den Strom

Zu Besuch bei Hennrich & Bothe

Ich sitze in einer entlegenen Ecke unseres Gartens. Gleich neben dem Thymian, auf dem gerade eine Hummel landet. Umgeben von schattenspendenden Hainbuchen. So einen Platz, meint Herr Hennrich, sollte jeder im eigenen Grün haben. Kein Handy. Nur Schmetterlinge. Und Ruhe. Das muss auch so sein. Anders bekomme ich die komplexen Ausführungen des passionierten Gartenmenschen nicht mehr zusammen. Und der hat viel zu erzählen. Denn Michael Hennrich, Mitinhaber der Gärtnerei Hennrich & Bothe, ist Gartenenthusiast, Gartenphilosoph, Berufener. Und der Garten sein Mikrokosmos.

Außenanlage Hennrich und Bothe
Herziges Freudenmädchen

Schon als Kind habe er mit der Oma gegärtnert. Sein eigenes Stück Garten bestellt. Gärtner zu sein, das sei, so erklärt er, Berufung. Nicht Beruf. Als Gärtner ist man Teil eines Ganzen. Muss Zusammenhänge verstehen. Braucht Wissen, Fingerspitzengefühl, Erfahrung. Und das unterscheidet Michael Hennrich ganz klar von mir, der Amateurin, welche die Dimensionen von so manch erwachsenem Baum klar unterschätzt hat. Der Mann versteht sein Handwerk. Obwohl es so viel mehr ist als das. Volle Sonne, durchlässiger Boden, stand auf dem Pflanzschild für die Rudbeckia. Irgendwann war sie verschwunden, obwohl ich doch alles richtig gemacht hatte. Jetzt ist sie wieder da. Im Schatten, in der humosesten Ecke. Verstehe einer die Pflanzen. Ich lerne: Der Garten ist ein Lebens-Raum. Gut. Und wie im Leben, so denke ich mir, geht nicht immer alles nach Reißbrett. Pflanzen haben durchaus ihren eigenen (Blüten-)Kopf. Ein Garten bietet alles, was das Leben bietet. Ein Mikrokosmos. Einer, der mir auch im Alltag hilft, mich in Geduld zu üben, zu akzeptieren, zu verstehen. Dazu gehöre, erklärt Herr Hennrich, auch Arbeit. In einschlägigen Zeitschriften entspannt der Gärtner ja gerne mal auf dem Rasen, den Strohhut lässig über die Augen geschoben, an einem Gänseblümchen kauend, umsummt von fleißigen Bienen… Aber hallo? Irgendjemand muss vorher den Rasen gemäht, die Bienenweiden gepflanzt, gesät haben. Als ich vor fast zwanzig Jahren unseren Garten in den Vogesen angelegt habe, waren Ratgeber wie „Gärtnern für Faulenzer“ en vogue. Hätte ich gewusst, dass mangelnde Vor- bzw. Nachbereitung des Bodens in den Folgejahren ein Vielfaches an Arbeit generiert – das Büchlein wäre strax auf dem Kompost gelandet.

Keramik Skulptur Susanne Boerner
In einem Boot.

Ein großer Garten – und groß muss er für Michael Hennrich sein – fordert eben viel Arbeit. Er ist Freiheit, hält aber auch gefangen. Er wartet nicht, hält sich nicht vornehm zurück. Man muss vorausschauend planen, organisieren, zupacken. Doch wer denkt noch an die Maloche im September, wenn im Februar, März die Krokusse blühen, die Blausternchen den Himmel in den Garten zaubern. Der Herbst dagegen… Oh, nein! Abschied vom Gartenjahr. Der Winter? Schon besser. Da sei die Arbeit ganz einfach zugedeckt. Unter Blättern, unter Schnee. Ruhe und Entspannung. Doch halt: Jetzt wird geplant. Nach Neujahr scharre man wieder mit den Hufen. So viel Arbeit an allen Ecken und Enden!

Im Frühling und Sommer arbeitet man bei Hennrich & Bothe oft über die normale Arbeitszeit hinaus. Mitinhaber Günter Bothe, der zu den Kunden rausfährt, widmet sich nach Feierabend zudem dem angeschlossenen Privatgarten. Tut die Dinge, die jetzt gerade dran sind. Arbeit? Natürlich. Doch als Lohn ein Paradies. Finden Sie bei so viel Arbeit noch Personal, Herr Hennrich? „Wenn du die Leute zur Arbeit auf See werben willst, dann erzähl ihnen nicht von der Arbeit, sondern von der Aussicht über das blaue Meer.“, fasst er die Worte eines anderen Berufenen zusammen. Klingt nach Antoine de Saint-Exupérys: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Deshalb arbeiten bei Hennrich & Bothe sogar Leute, die keine ausgebildeten GärtnerInnen sind. Was zählt, ist Interesse. Und ja, natürlich immer wieder die Liebe zum Tun.

Michael Hennrich spricht am liebsten von „unserem Garten“. Nicht von Gärtnerei. Man gärtnert mit der Natur, ist kein durchkommerzialisiertes Unternehmen. Da darf auch mal was im Garten wachsen, was anderswo mit Vorliebe ausgerupft wird. Überhaupt: Un-kraut. So manches davon entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Heilkraut. Auch in meinem Garten, so erfahre ich, wachse genau das Kraut, das ich brauche. In meinem Falle Spitzwegerich. Und es ist auch eher mein Mann, der ihn braucht. Spitzwegerich-Erdkammersirup soll helfen. Bei Husten und weiteren Erkältungsunbilden. Massenhaft wächst das Lungenblattl an nährstoffreichen Stellen in unserem Garten. Gerne auch dort, wo es dunkler und feucht ist. Ein für uns Menschen eher abträgliches Klima. Flugs hat mein Mann ein paar der lanzenförmigen Blätter in Hochprozentiges eingelegt, wovon er allabendlich ein paar Tropfen einnimmt – und genießt seitdem einen ruhigen, erholsamen Schlaf. Was meinen armen Ohren äußerst zuträglich ist. An der Erdkammer arbeiten wir noch. Und statt die Brennessel auszumerzen, sollten wir lieber damit kuren. Ganz zu schweigen von den Schmetterlingen, die auf sie angewiesen sind. Und wusstet ihr, dass Klee im Tee als natürliches Süßungsmittel fungiert? Michael Hennrich hält mir ein Glas mit selbstgesammelten Blüten hin. Eine Teemischung, wie´s ausschaut. Ich schnuppere: Aah! So schmeckt der Sommer!

Sonnenhut rosa

Keine Zeit für negative Energien

Wie geht es Ihnen denn, Herr Hennrich, wenn Sie an den Steinwüsten vorbeifahren, die so manchen, einst blühenden Vorgarten ersetzt haben? Da sie angeblich so pflegeleicht sind. Was ja auch für Beton gilt. Oder für Parkplätze. Wenn nicht anarchistisches Wurzelwerk die Asphaltdecke sprengt. Michael Hennrich antwortet diplomatisch. Man müsse auch mal weg-, nicht mehr überall hinschauen. Das tue er übrigens auch nicht mehr bei den gängigen Nachrichtensendungen. Ich hab doch gesagt, der Mann ist Philosoph! Zieht Parallelen. Vom Garten in die Welt. Und wieder zurück. Negative Schlagzeilen – Was, bitte, soll daraus erwachsen? Man vernachlässige das Positive. Ich nicke. Zu meiner Zeit, also für die heutigen Mitfünfziger, hieß das: No future. Ein ebenso schlechter Ausgangspunkt für Veränderung. Dabei ließe sich mit positivem Input mehr erreichen, stärker motivieren. Statt zu schaffen, ver-äußern sich Menschen, indem sie über soziale Medien zu viel von sich preisgeben. Diese Digitalisierung des eigenen Lebens findet er erschreckend. Ich ebenfalls. Mein Blog ausgenommen. Im Garten kann ich mich erden. Ich schaffe, verändere. Positive Ergebnisse – wunderbare Glücksmomente. Braucht es Visionen, Herr Hennrich? Ja, aber sie müssen nicht gleich global sein, um global zu wirken. Aber wir müssen mal anfangen. Anpacken. Und wir sollten lernen zu spüren, zuzuhören. „Hörst du die nicht rufen?“, erinnert er zuweilen einen Azubi ans Gießen. „Die haben Durst!“ Pflanzen sind Lebewesen. Wie bei Tieren, so muss man auch hier nach Bedürfnissen fragen. Muss erziehen, Richtung geben um die Lebenszeit am jeweiligen Standort zu verlängern. Kommunizieren Pflanzen miteinander? Für Michael Hennrich keine Frage. Der Garten als mystischer Ort für Elfen und Naturgeister… da will er sich, scheint mir, nicht festlegen. Wenigstens Gärtnern mit dem Mond? „Gewisse Samen keimen unter Beachtung der Mondzyklen einfach besser.“, räumt er ein. Aus leidvoller Erfahrung stimme ich zu: Pflanzen wie Haare schneidet man in gewissen Mondphasen besser nicht.

Susanne Boerner Keramik frosthart bei Hennrich und Bothe Saarlouis-Fraulautern, Saarland, Gärtner
Positivistin

Er hört sie rufen. Wenn sie schlapp herunterhängen, braune Flecken bekommen, sich kränklich nach der Sonne recken. Seit über 20 Jahren gönnt Michael Hennrich seinen Pflanzen zudem EM – Effektive Mikroorganismen. Wandelt Negatives in Positives um. Hält Vorträge, teilt seine Erfahrungen. Auf dieser Basis hat er sogar ein natürliches Spritzmittel gegen Pilzerkrankungen entwickelt und setzt es erfolgreich ein. Ursachenforschung statt reiner Symptombekämpfung. Verbessere den Mikrokosmos und deine Pflanzen leben länger und gesünder.

Michael Hennrich, Inhaber Hennrich und Bothe, Fraulautern, Saarlouis, Gärtnerei, Gartenbau, Saarland
Berufener: Michael Hennrich, Hennrich & Bothe

Was, Herr Hennrich sollte man bedenken, wenn man einen Garten anlegt?

Zuerst sollte man die eigenen Bedürfnisse ausloten. Welche Ansprüche hat man? Wozu soll der Garten dienen? Bienenhort? Aktivgarten? Erholungsort? Partymeile? Ein Garten sollte niemals als Ausstellungsstück für kritelige Nachbarn angelegt werden. Genauso, übersetze ich für mich, wie moderne Leute ja auch nicht mehr die Straßenrinne kehren, weil der Nachbar am Wohnzimmerfenster, auf ein Kissen gestützt, womöglich mit Fernglas, auf der Lauer liegt um samstägliche Nachlässigkeiten zu ahnden. Dann doch lieber Flowerpower. Liebe für den Garten entwickeln. Mit der Liebe kommt das Verständnis. Man akzeptiert und toleriert Eigenheiten – ganz wie in einer Partnerschaft.

Und weiter? Ich paraphrasiere mal: Gebt dem Ganzen einen Rahmen. Schafft – ganz recht – Mikrokosmen. Die Olive, die auf windumtoster Wiese, den Gang alles Lebenden geht, hat im Schutz einer Hecke eine reelle Chance. Sowieso gehören Gehölze und Bäume dazu. Auch als Sichtschutz (Wir erinnern uns: Der Nachbar mit dem Kissen…). Schatten, Wind und Sonne – auch das sind wichtige Faktoren.

Ein kleiner, entlegener Sitzplatz sei, wie schon erwähnt, wichtig. Das Handy bleibt im Haus. Und deshalb genieße ich meinen Tee heute genau an einem solchen Ort. Ein Ritual, wie wir es, glaubt mir, immer dringender brauchen.

Ein Garten sollte nicht auf einen Blick überschaubar sein. Also Gartenräume. Alp(t)raum meines Mannes, vor dessen Rasenmäher-Traktor meine zärtlich gehegten Wildblumen erzittern. Standard-Satz: „Hier pflanzt du aber nichts. Da will ich mähen können.“ Hier hilft, so der Profi, ein kleiner Pfahl aus dekorativ verwittertem Holz mit einer kleinen pfiffigen Figur darauf, vielleicht sogar einer der Keramikerin Susanne Boerner. Mitten in die Wiese gesetzt. Habe diesen Tipp mit einem herrenlosen Blechvögelchen, Kraftkleber (wegen des Power-Mähers) und Baumstamm nachgebaut – und bin richtig stolz. Fluchtpunkt und Verkehrspoller zugleich. Blickfänge schaffen, heißt die Devise.

Was noch, Herr Hennrich? „Offen bleiben.“, empfiehlt er. Bedürfnisse können sich ändern. Also auch der Garten. Aus dem Bolzplatz wird vielleicht das prächtigste Staudenbeet aller Zeiten. Oder ihr werdet Selbstversorger mit prunkendem Kohl, der schnellsten Bohne der Stadt

„Haben Sie derzeit einen Favoriten, der jeden Garten aufwertet?“, frage ich. Michael Hennrich stellt entschlossen eine filigrane Staude vor mir auf den Tisch. Voilà: Gaura lindheimeri Whirling butterflies. Tatsächlich, Blüten wie weiße Schmetterlinge, aufgeregt zitternd in der leichten Brise, die aus dem Garten hereinweht. Blüht von Juni bis zum Frost, ist anspruchslos und lockert jede Pflanzung auf. Und zittert wirklich, was das Zeug hält.

Gibt es für Sie den „Idealen Garten?“

Er denkt kurz nach: „Der ideale Garten bietet zu jeder Jahreszeit eine interessante Ecke, Pflanzungen zum Hingucken.“ Wie wäre es z.B. mit einem Frühlingsgartenzimmer? Da fällt ihm doch gleich ein Zitat von Karl Foerster ein, dem großen Staudengärtner: „Wer seinen Garten liebt, wie er ist, verdient ihn nicht.“ Ein Garten verändere sich ständig. Gegebenheiten ebenfalls. Er stelle Ansprüche. Wo einmal Sonnenanbeter im gleißenden Licht wippten, wuchern heute vielleicht Schattenpflanzen. Die liebt Herr Hennrich übrigens immer mehr. Je älter er wird. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ohne Schatten kein Licht. Akzeptanz.

Skulpturen für den Garten bei Heinrich und Bothe, Saarlouis-Fraulautern, Saarland
Müßiggängerinnen

Was passiert eigentlich, wenn Sie eine Steinwüste für einen Kunden anlegen bzw. etwas tun sollen, was Ihrer Gartenphilosophie widerspricht? Da lehnen Hennrich & Bothe schon mal dankend ab. Gegen den Strom, so sei er schon immer geschwommen. Ihre Klientel beschreibt er als eine Community. Gleichgesinnte. Ich sehe sie lustwandeln. Über den samtigen, kurzgeschnittenen Rasen zwischen den Staudenbeeten, vorbei an duftenden Rosen. Atmend. In all die Farbenpracht, die Düfte versunken. Bevor sie gerufen werden. Von dem purpurroten Sonnenhut, da vorne, auf dem Holzkarren. Oder der Gaura, die, scheint mir, noch ein bisschen stärker zittert um auf sich aufmerksam zu machen.

Oder von einer der über 40 verschiedenen Tomatensorten, die so gar nichts mit der holländischen Wassertomate gemein haben. Selbstgezogen. Aus Erfahrung gut. Von den Gewächshäusern spaziere ich zwischen Rudbeckien und Glockenblumen zurück Richtung mediteranes Wohnhaus. Gibt es da eine Affinität? Das Wetter im Süden sei nun mal besser, meint er. Die Natur vielfältiger. Man denke nur an den hierzulande frostempfindlichen Rosmarin. Wo er Recht hat… In zwei Jahren war mein Rosmarin zu einem beachtlichen Strauch herangewachsen, bis er nach einem strengen Winter einfach nicht mehr ausgetrieben hat. Auch das gehört dazu: Sterben. Links von mir picken Hühner munter umher. Fressen, was gefressen werden muss. Kreislauf. Werden und Vergehen. Da ist er wieder: Der Mikrokosmos. Naturlich. Mit der Natur. Ohne Umlaut.

Wetterfeste Frohnatur von Susanne Boerner

Neben Ihrem Garten betreiben Sie auch das GartenHaus. Warum?

Das GartenHaus gehöre untrennbar zum Garten, erläutert Herr Hennrich. Ein Haus ohne Garten geht nicht. Ein Garten ohne Haus ebenfalls nicht. Gleichberechtigung. Wir feiern, arbeiten, entspannen im Garten. Um das noch ausgiebiger tun zu können, gibt es bei Hennrich & Bothe u.a. wunderbare Aroma-Kerzen, Windlichter, Tischdecken, Servietten, Geschirrtücher. Letztere würde ich persönlich mir sogar einrahmen und an die Wand hängen. Für die Grillfans gibt es Essig, Öl, körniges Salz, regionalen Senf, Salatbestecke aus poliertem Olivenholz. Accessoires für den gehobenen Geschmack. Fehlt noch ein leichter Wein. Kein Problem! Nach der Gartenarbeit die Hände pflegen? Feinste Naturseifen und Handcremes finde ich hier! Und wer sich danach in Schale werfen möchte, der kann im GartenHaus sogar nachhaltige Kleidung aus Naturmaterialien erstehen. Wenn der Garten dann Winterruhe hält, labe ich mich einfach an einer ausgefallenen Zimmerpflanze und träume vom Frühling. Wenn ich mich wieder inspirieren lassen kann von dieser unverwechselbaren Mischung: Ein Touch englisches Landhaus, ein wenig provenzalische Lavendelromantik. Und die Zirbenkerze hilft mir ab heute beim Einschlafen.

Hennrich und Bothe. Das ist eben das Komplettpaket. Vom Fachmann. Ein Paradies, entstanden auf einem ehemals verwahrlosten Grundstück. Mit viel Ausdauer, Geduld, (Vorstellungs-)Kraft und Spucke wurde es zu neuem Garten-Leben erweckt. Apropos Naturgeister, Herr Hennrich. Als ich eben bei den Astern war, habe ich ein kleines grünes Gesicht gesehen. Und es lächelte…

Fakten: Die Gärtnerei besteht seit 1990. 2002 kam das GartenHaus dazu. Inhaber sind Michael Hennrich und Günter Bothe. Derzeit gibt es 8 Mitarbeiter. Der älteste weibliche Azubi war übrigens 55.

Bereiche: Landschaftsbau, Gartenanlage, Pflanzenverkauf, Accessoires. Außerdem hält Herr Hennrich Vorträge zum Thema EM. Die große Weihnachtsausstellung findet übrigens zwei Wochen vor dem ersten Advent statt. Außerdem bietet Hennrich & Bothe GartenHaus-Frühstücke an.

Wo? Saarbrücker Str. 35, 66740 Saarlouis-Fraulautern. Weitere Informationen wie Öffnungszeiten, Events u.v.m. entnehmt ihr bitte der firmeneigenen Homepage.

Lasst euch inspirieren

Eure Stina