Von der Leine, aber nicht von der Rolle: Jazz in der Kettenfabrik

Kettenfabrik St. Ingbert Jazz Konzert Event Saarland

Welche Konzerte finden wann in der St. Ingberter Kettenfabrik statt? Das Team des rührigen Jazzclubs ist mit Herzblut dabei, wenn es darum geht Jazzfans mit Events der Extraklasse zu erfreuen. Die sind in der alten Industrieanlage stets klein, aber fein. Und vor allem: Handverlesen. Ich verlinke euch einfach mal auf die Website der Kettenfabrik. Dort könnt ihr euch auch für den Newsletter anmelden, auf dass ihr kein Konzert mehr verpassen möget!

Das Logo der St. Ingberter Kettenfabrik. Mit freundlicher Genehmigung der Organisatoren.
Beitragsbild: Steffen C. Weber auf Pixabay

La Houba – Der Cocktail, der aus den Vogesen kam

La Hoube Cocktail La Houba

Ich geb es zu: Ich bin eine alte Cocktail-Schlürferin. Zu hohen Fest- und Feiertagen genehmige ich mir ein Mixgetränk. Mit oder ohne Alkohol – Hauptsache, es schmeckt. Mag sein, dass der Wohnzimmerschrank meiner Eltern mich entsprechend faszinierte, in dem es tatsächlich eine Minibar gab. Als Kind fand ich natürlich eher die kleinen Gabeln in der dazugehörigen Schublade interessant, mit denen sich z.B. Cocktailkirschen vortrefflich aufspießen ließen, und mit deren Hilfe man immer wieder sein Glas fand. An ihrem Ende befand sich eine schwarze Katze, ein Kleeblatt oder ein Herz. Im Einsatz habe ich sie allerdings kaum gesehen. Allenfalls wurde der Eiskühler für Martini Bianco oder Rosso gebraucht. Ein Spiegel an der Rückwand sowie eine kleine Lampe, die man an einer Schnur an- und ausknipsen konnte, machten aus dem kleinen Gefach einen geheimnisvollen Ort. Ich weiß noch, dass ich mir gerne die bunten, verschnörkelten Etiketten auf den Flaschen ansah. Gleich nebenan wurden die alten Rommé-Karten mit den garstigen Jokern aufbewahrt, mit denen wir ebenfalls zu hohen Festtagen bis tief in die Nacht spielten, wahlweise Knabbergebäck oder Weihnachtsplätzchen naschten. Später wurde der dunkle Mahagonischrank (seiner Zeit der letzte Schrei) durch eine helle Schrankwand im Wohnzimmer ergänzt. Auch hier gab es Schubladen, mit dunkelgrünem Filz ausgelegt, damit sowohl Untersetzer als auch Korkenzieher nicht das Furnier verkratzten. Natürlich auch eine Leuchte, die sich wundersam in den Gläsern spiegelte. Kam Besuch, wurde die Schranktür nach unten geklappt und ein Likörchen ausgeschenkt.

La Hoube Cocktail

Mag auch sein, dass ich noch immer inspiriert werde, wenn ich die eleganten Hausbars in Filmen aus den Fünfzigern oder Sechzigern sehe. Drei Männer im Schnee, die Zürcher Verlobung, Dashiell Hammetts Der dünne Mann. Die Herren im Anzug, die Damen im Petticoat oder eleganten Kostüm. Gut, auch eine Steghose mit Norwegerpullover wäre nicht schlecht. Doch, meinem Traum von einer gelungenen – ich sage wirklich GELUNGENEN – Silvester-Party kommen diese Szenarien tatsächlich nahe. Bin da etwas altmodisch. Und das Frauenbild dieser Zeit, – na, da möchte man ja gar nicht drüber reden. Schauderhaft. Da musste meine Generation noch ganz schön was ausbaden.

Und noch eins: Schluckspechte, die alles in sich kippen, finde ich einfach nur eklig. Aber: Einen Cocktail ab und an, mit einer grünen Olive, halte ich für edel und festlich. Gerade, dass es nicht zur Gewohnheit wird, macht es so fein. Habe mir sogar ein kleines Mix-Set geleistet, inklusive Rezepten. Mein Lieblings-Cocktail in diesem Büchlein ist ein alkoholfreier mit hellem Traubensaft. Doch hier komm zunächst einer, der es in sich hat, vielleicht weil er aus den tiefen Vogesenwäldern stammt. Sehe Kaminfeuer vor mir, man klopft sich den Schnee von den Schultern, wirft die Mützen hinter sich  – und da ist es schon: Das Tablett mit La Houba – der feurigen Schönheit aus den Bergen. Kreiert von meinem Mann. Benannt nach einem kleinen, mystischen Bergdorf mit Blick auf den Felsen von Dabo. Nicht geschüttelt, nicht gerührt.

Also: Einfach nacheinander in ein Glas tun, Zitrone an den Rand, Pfefferminzblatt schwimmen lassen und genießen. Und grämt euch nicht, dass die Bestandteile nicht aus den Vogesen stammen. Hauptsache, sie passen hierher! Wer nicht soviel Wodka möchte, tut einfach die Hälfte rein. Es geht ja in erster Linie um den Geschmack, oder?

Stina Advent

Erinnerung an Vic-sur-Seille

Pays Saulnois

VORAB: KLEINER NACHDENKLICHER EXKURS

Vic sur Seille

Es gibt Tage, an die möchte man sich immer wieder erinnern. Wie an jenen in Vic-sur-Seille, einem Städtchen mit einem Hauch Romeo und Julia. Doch häufig schwirren wir von einer Attraktion zur nächsten, lassen einen Ort allzu schnell hinter uns, um Neues zu entdecken. Rastlosigkeit nennt man das wohl. Wie oft habe ich mir schon gesagt: An diesen Ausflug, an diesen schönen Tag will ich mich noch ganz lange erinnern. Ich werde ihn mir immer wieder hervorholen um mich daran zu erfreuen. Ganz so wie das Foto eines geliebten Menschen. Und dann? Der Alltag packt uns mit Macht. Hält uns fest im Griff. Verdrängt, die wunderbaren Augenblicke! Es bedarf schon einer riesigen Kraftanstrengung, das kleine, gut verschlossene Päckchen unserer Erinnerung wieder hervorzuzaubern. Einmal habe ich ein Buch über eine sibirische Schamanin gelesen. Sie empfahl, jeden Abend vor dem Einschlafen ein Bild, ein Foto zu betrachten, das einen selbst in einer glücklichen Situation zeigt. Zur Verjüngung sozusagen. Um uns dem nahezubringen, was uns ausmacht. Was wir uns wünschen. Wo wir gerne nochmal wären. Ich versuche das manchmal mit Musik, oder einem Buch, das mir kostbare Stunden beschert hat. Meine Favoriten sind dabei Kenneth Grahames „Wind in den Weiden“ und die frühen Inspector-Jury-Romane von Martha Grimes. Ich denke, es funktioniert, das Zurückbeamen. Wir sind ja nicht nur, als was wir heute erscheinen. Und sind wir denn das, wovon wir glauben es zu sein? Alte Fragen, ich weiß. Häufig weiß man eher, was man nicht ist. Was man erlebt hat, aber nicht mehr erleben möchte. Und wie lautet die positive Antwort? Ich arbeite dran.

ZUFRIEDENHEIT. Ich meine das ganz wörtlich. Ich möchte keinen Anfeindungen, von welcher Seite auch immer, ausgesetzt sein. Ja, wir wachsen an unseren Herausforderungen. Aber ehrlich: Wer befindet sich schon gerne in einer Situation, in der er gemobbt, ausgenutzt oder gar erniedrigt wird? Ich für meinen Teil halte es da lieber mit Lemmy von Motörhead, der folgenden markigen Rat an die Menschheit weitergab: „Haltet euch von den Idioten fern!“ Drastisch, ja, aber im Kern gesundheitsfördernd. Tatsächlich traf ich auf meinem bisherigen Lebensweg eine nicht geringe Zahl Angehöriger oben genannter Spezies. Getarnte und ungetarnte. Dachte, ich könnte sie durch super tiefgründige Gespräche ändern. Wurde enttäuscht. Nährte damit jene Melancholie, die vielen Jugendlichen eigen ist. Schätze mal, eine Unterhaltung mit mir war häufig schwerverdaulich, denn ich war eine ganz normale, unsichere Jugendliche, die sich nicht vorstellen konnte, einmal über 50 zu werden. Denn wie konnte man mit all der Trauer über die bereits verlorene Welt (Atomkraft? Nein danke!) überleben? Eine Welt, die zudem noch so viele falsche Fünfziger bereithielt. Tja, ich hab´s geschafft, und so viel mehr entdeckt, wofür es sich zu leben lohnt. Jetzt, mit 57, fühle ich mich stark und voller Energie. Es gelingt mir immer mehr offenen Herzens zu erleben. Natürlich würde ich gerne schreiben, dass es mir langsam egal wird, was andere über mich denken. Ist schon besser geworden, aber ich bin wohl noch nicht bereit fürs vollkommene Darüberstehen. Ich werde wohl noch mit achtzig (hoffentlich!) auf der Yogamatte liegen und beim obligatorischen „Lass los!“ erst recht ins Nachdenken über irgendeine blöde Situation kommen. Aber wenn ich z.B. in meinem Garten in der Erde buddle oder den Blumen beim Wachsen zusehe, dann fühle ich mich nicht darüber, nicht darunter, sondern mittendrin und denke: „Hej, du bist Teil von etwas Großem. Nimm dich nicht so verdammt wichtig. Sei achtsam für das, was dich umgibt, wozu du gehörst. Lebe mit offenem Herzen UND HALTE DICH VON DEN IDIOTEN FERN!

Vic sur Seille Grand Est

Was ich also eigentlich erzählen wollte, war, dass mein Mann seine Leidenschaft für Campingutensilien entdeckt hat. Er nennt jetzt einen kleinen Gaskocher, eigentlich nur eine Gaskartusche, sein eigen. An den Grundmauern des Schlosses von Vic-sur-Seille hat er uns einen Espresso gekocht. Zwei schmucke Tässchen hatte er mitgebracht. Einen Löffel und Zucker. In einer Bäckerei am Ort hatten wir zwei Pâtés de Lorraine erstanden, die wir dazu verzehrten. Eine merkwürdige Kombination – zugegeben. Gleichzeitig besser als jedes Fünf-Gänge-Menü. Ich werde das nie vergessen: Über uns eine Platane (Oder Kastanie? Jedenfalls ein Baum). Die Vögel – ganz wichtig – zwitscherten.  Unser kleiner Dackel wartete auf einen Happen Pâté – ganz ungesund – und wir überlegten unsere nächsten Schritte. Denn in  Vic-sur-Seille kann man einem Rundgang von 1,5 Stunden folgen, den wir in etwas unorthodoxer Reihenfolge angetreten hatten. Den Plan zu diesem Parcours historique erhält man im ortsansässigen Touristenbüro, wo eine sehr kompetente junge Dame im Feen-Outfit, schwarzer Spitzenrock und Gothic-Mieder, die Region des Pays du Saulnois vertritt.

Wer am Place Jeanne d´Arc parkt, trinkt am besten erst mal was im gegenüberliegenden Café, bewegt sich dann geradeaus auf das Office du Tourisme zu, das an sich schon sehenswert ist, befindet es sich doch im Hôtel de la Monnaie, einem gotischen Gebäude von 1456. Um die fünfzehn Hotspots – Gebäude aus Renaissance und Gotik, einen Bauernhof aus dem 18., das Château des Évèques de Metz aus dem 17. Jahrhundert, das Dominikanerkloster oder das wunderbare Tympan sculpté aus dem 14. Jahrhundert zu entdecken, wandert man über sonnenbeschienene Plätze, durch schummrig-mittelalterliche Gassen; späht hie und da über Glyzinien-überwucherte Mauern, durch schmiedeeiserne Tore in verwunschene Gärten und Innenhöfe und fragt sich, ob man sich noch im Hier und Jetzt befindet. So südlich, so zeitvergessen mutet das Örtchen an. Wären da nicht die parkenden Autos, so könnte man sich leicht einen schmachtenden Romeo vorstellen, der zu seiner Julia auf einen mehr oder weniger massiven Holzbalkon klettert.

Vic sur Seille eglise

Nur wenige Touristen verirren sich hierher, was den Charme des hell sandsteinfarbenen Vic-sur-Seille indessen nur steigert. Ein besonderes Highlight ist das Museum zu Ehren Georges de la Tours, der 1593 hier das Licht der Welt erblickte. Als einer der berühmtesten Barockmaler Frankreichs ist er nicht nur im Louvre sondern auch im Metropolitan Museum of Art vertreten. Der Falschspieler mit dem Karo-Ass und den Verdacht schöpfenden Protagonisten von 1635 ist eines seiner bekanntesten Werke. Aber selbst wenn ihr, wie wir, keine Zeit mehr für einen Museumsbesuch habt: Geht einfach offenen Auges durch den Ort und schaut auch mal nach oben. Dann entdeckt ihr vielleicht sogar das steinerne Schweinchen an einem Hausgiebel.

Tympan sculpté

Was ist eigentlich Vic-sur-Seille, und wo liegt es?

Vic-sur-Seille ist eine französische Gemeinde mit ca. 1300 Einwohnern im Département Moselle in der Region Grand Est. Es liegt im Arrondissement Sarrebourg, Château-Salins. Am charmantesten beschreibt es die ortseigene Webseite:

„Die Vergangenheit unserer kleinen Stadt, die vom Wasser der Seille gebadet wird, ist seit langem von Wohlstandsperioden geprägt, die mit Salz, Weinbau und der Anwesenheit der Bischöfe von Metz verbunden sind, die ihre architektonische Originalität stark beeinflusst haben. Neben dem Museum, das den Namen des berühmtesten Kindes des Landes, Georges de La Tour, trägt, verbirgt Vic-sur-Seille eine Vielzahl von Kuriositäten in seinen engen und gepflasterten Straßen, einer Reihe von Gebäuden mit bemerkenswerter Architektur… Wie jedes Stadtzentrum, die ehemalige Hauptstadt eines Kantons, investiert Vic-sur-Seille weiterhin in seine Zukunft und konzentriert sich auf die Verbesserung und den Schutz seines Erbes, seiner Landschaftsgestaltung und seiner Entwicklung. Tourismus und Shopping, assoziative und festliche Aktivitäten. Besucher oder neue Einwohner, wir hoffen, dass Sie auf dieser Website mit Neid unsere kleine Stadt sowie diejenigen und diejenigen entdecken können, die sie reich machen.“

Essen könnt ihr übrigens u.a. im Restaurant Bistro des Amis, direkt am Place Jeanne d´Arc, oder im Traiteur L´évent, das mit experimenteller und innovativer Küche auf regionaler Basis wirbt. Weitere Infos findet ihr hier und hier.

Unser kleiner Stadtrundgang fand schon Ende Juni statt. Kurz nachdem die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland wieder offen, und die erste Corona-Welle überstanden war. Ich habe seitdem häufig an diesen friedvollen Ausflug in dieser besonderen, außerhalb von Zeit und Raum liegenden Stadt gedacht. Heute habe ich meine Erinnerungen wieder hervorgekramt und darin geschwelgt. Alles, was man dazu braucht, ist etwas Zeit. Wusstet ihr übrigens, dass der Dalai Lama eine neue CD gemacht hat? Ein Gebet mit musikalischer Untermalung. Läuft gerade im Hintergrund. Verstehe kein Wort. Muss ich aber auch nicht. Ist trotzdem schön.

Vic sur Seille Zentrum

Haltet die Ohren steif! Om!

Eure Stina

Vom Donon über Plombières-les-Bains nach Gérardmer und zurück

Abseits ausgetretener Pfade die blauen Berge zu erleben, das wollten wir. Folgt uns auf eine wunderbare 2Tages-Reise von den Nordvogesen in die Südvogesen und retour!

September. Kaiserwetter: Stahlblauer Himmel, leuchtendes Gelb, flammendes Orange. Mit Hund und Kegel starten wir unsere Vogesentour von La Hoube im lothringischen Teil der Nordvogesen aus. Möglichst kleine Straßen wollen wir befahren, Autobahnen vermeiden. Allez hop, los geht´s auf die serpentinenreiche Piste Richtung Donon. In Abreschwiller empfängt uns der heimelige Duft des Herbstes. Holzfeuer, nachtfeuchtes Laub: Erinnerungen an die Zeit, in der ich mit meiner Mutter im hinteren Teil unseres Gartens, gleich bei den Himbeeren, Feuerchen entfacht habe um in der Glut Kartoffeln zu garen. Wir passieren St. Quirin, eines der schönsten Dörfer Frankreichs, wo das Café des Vosges, natürlich in der Rue du Général de Gaulle, kundenfein gemacht wird. Es duftet nach frischgebrühtem Kaffee, knusprigen Croissants, aber wir schrauben uns auf gewundenen Straßen, über Haarnadelkurven weiter in die Vogesen hinein. Kühe, Schafe, hippe Highland-Rinder, schattige Weiler mit pickenden Hühnern. In dem hübschen Bergdörfchen Raon-sur-Plaine erstehen wir endlich ein paar ofenfrische Croissants samt einer delikaten Quiche Lorraine. Der farbenfroh aufgepeppte, entzückende kleine Ort eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für Wanderungen mit herrlichen Aussichten rund um den Donon. Wer die ruhige Bergatmosphäre genießen möchte, kann im Hôtel Restaurant de la Poste, natürlich in der Rue du Donon, logieren oder sich ein Ferienhäuschen bzw. eine Wohnung mieten.

Schautafel am Lac de la Plaine

Raon-sur-Plaine mit ungefähr 146 Einwohnern liegt im Plaine-Tal, 430 Meter ü.M. Es ist die nördlichste Gemeinde des Départements Vosges, Arrondissement Saint-Dié-des-Vosges. Drum herum liegt das Département Bas-Rhin. Nur drei Kilometer weiter erhebt sich der sagenumwobene, 1008 Meter hohe Donon, der höchste Berg der Nordvogesen. Einen Artikel zu einer Wanderung auf den Donon mit seiner gallo-romanischen Geschichte findet ihr hier.

 In-Celles-sur-Plaine, Grand Est, Departement Meurthe-et-Moselle steuern wir die Base nautique an. Mit Campingplatz, Kiosk, Minigolf, Restaurants und kleinen Holzhäusern direkt am See, die man mieten kann, ein richtiges Freizeit-Eldorado. Leider nur bis Ende August könnt ihr mit Tretbooten oder Kanus den Lac de la Plaine erkunden, der sich in unmittelbarer Nähe zum weitaus größeren Lac de Pierre Percée befindet, jedoch mit einem wunderbaren Mittelgebirgspanorama punktet. Wer möchte, kann die Seen auf einer Voie verte umradeln. Siebziger Jahre-Feeling kommt auf, als wir unseren Gaskocher auspacken um an einem der vielen Picknickplätze frischen Espresso zu kochen und unsere lothringischen Köstlichkeiten zu verzehren. Im Wasser dümpeln Enten, Schwäne ziehen ihre Kreise, auf Molen hocken merkwürdige schwarze Vögel mit langen Hälsen, die ihre Flügel zum Trocknen ausstrecken. Celles-sur-Plaine selbst ist eine wunderliche Mischung aus Bergdorf, See-Idylle und Holzindustrie mit einem Händchen für Sommerfrische.

Simplement nature: Mitten in der Natur erfährt man Wisssenswertes über Aroma-Pflanzen, medizinische Heilkräuter und andere Naturprodukte. Außerdem werden Verkostungen und Ausstellungen geboten. Gruppenreisende können hier eine Gîte mieten.

La Hallière: Anfang des 19. Jahrhunderts erbautes hydraulisches Sägewerk.

Edelstein- und Mineralienfans kommen in dieser Region ebenfalls auf ihre Kosten. Die urigen Läden mitten in der Pampa lohnen einen Stopp.

Auf gewundenen Straßen erreichen wir um die Mittagszeit Épinal, denn hier wollen wir die Cité de l´Image bestehend aus Bilderbogen-Museum samt Druckerei besuchen.

Épinal Vosges Vogesen
Erstmal einen Kaffee…

Seit drei Jahrhunderten widmet sich die Cité de l´Image dem Druckereigewerbe. Und so präsentiert das Museum eine außergewöhnliche Sammlung typischer, farbiger Bilderbögen mit nostalgischem Charme, aktualisiert durch zeitgenössische Kunstwerke, die sich mit der langen Tradition dieser volkstümlichen Druckerzeugnisse auseinandersetzen, sie überraschend neu interpretieren. Temporäre Ausstellungen machen den Besuch der Cité zu einem kurzweiligen, zuweilen auch gruseligen Vergnügen.

Im historischen Zentrum der Hauptstadt des Département Vosges, das von der mächtigen Basilika St. Maurice aus dem 11. Jahrhundert, einer mittelalterlichen Festung nebst Englischem Park sowie der Mosel dominiert wird, stärken wir uns mit einem Kaffee. Schläfrig liegt Epinal an diesem Mittag da. Shoppen ist nicht, denn die Geschäfte haben Mittagspause. Selbst die Markthalle döst im Ruhemodus. Gleich gegenüber des Cafés mache ich mich im Office du Tourisme schlau, denn ich bin ein Touristenbüro-Nerd, liebe diese bunte Flut an Information, die mich Neues, Niegesehenes entdecken lässt. Mit dem Auto sind es ca. 5 Minuten zur Cité. Parken können wir kostenlos. Für sechs Euro pro Person tauchen wir ein ins Universum der Bilderbögen, einer Frühform des Comics, wie mir scheint. Kurioses wechselt sich mit Historischem ab. Ist manchmal auch dasselbe. Die temporäre Ausstellung zur – oft leidvollen – Geschichte des Wolfes ist nichts für schwache Nerven. Unser eigener kleiner Wolf, der bislang brav in seiner Hundetasche ausgeharrt hatte, stimmt in das (dezente) Geheul aus den Lautsprechern ein. Zeit zu gehen, bevor das Ganze infernalisch wird, denn Nuri hat ein recht durchdringendes Geläut. Im angeschlossenen Museumsshop finden wir ein schönes Plakat, das meinen Mann an seine Zeit als Druckvorlagenhersteller erinnert. Muss ein schöner Beruf gewesen sein, was er so erzählt. Das Affiche wird in unserem Wohnzimmer einen Ehrenplatz erhalten.

Weitere kulturelle Épinal-Highlights findet ihr hier.

So viel Buntes auf die Augen macht hungrig und müde. Wir stärken uns mit einem Baguette aus einer bretonischen Bäckerei. Man weiß ja nicht, wann genau wir unser Abendessen bekommen werden, denn wir haben eine Spezialvariante französicher Gastlichkeit mit, ja, Abendmahl gebucht. Gespannt steuern wir unser Chambre d´hôtes, Le Prieuré, das Priorat, in Aydoilles an. Die Landschaft verändert sich, sanfter schwingen sich die Berghänge ins Tal hinab. Ein wenig Spielzeugeisenbahn-Flair. Im Herzen des kleinen Dorfes mit dem komplizierten Namen könnt ihr mit Charme und Authentizität logieren. Die ältesten Teile des kleinen Klosters datieren aus dem 15. Jahrhundert. Der eindrucksvolle Empfangsraum mit riesigem Kamin versetzt in eine andere Zeit. Würde mich nicht wundern in diesem dickwandigen Gewölbe einem Abt oder Ritter zu begegnen. Im Winter prasselt hier sicher ein wärmendes Feuer. Der Hausherr, distinguiert–freundlich, erscheint. Wir sinken auf ein rotes Sofa, harren der Dinge, die da kommen mögen. Ein ausgestopfter Dachs leistet uns Gesellschaft. So wie eine Madonna in blau erleuchteter Nische, die über das Gästebuch wacht. Ein neu eintretender Gast hält uns für die Besitzer. Wohl, weil wir so dahingestreckt in den Polstern ruhen. Nein, nein, wehren wir ab, wir sind auch nur Gäste. Da erscheint auch schon erneut Monsieur, der wahre Patron, bittet uns ihm zu folgen. Über eine ausgetretene Steintreppe, ein dämmriges Zimmer passierend – Wilder Wein rankt üppig vor den Sprossenfenstern – geht’s in unsere Herberge für eine Nacht. Alles da, auch ein anachronistischer Fernseher. Dezent verteilt finden wir durchaus dekorative Attribute des Christentums: ein altes Gebetbuch, Heiligenbildchen, wie auch meine Oma sie hatte und zur Erbauung gerne verstreute. Das Badezimmer ist modern und dreimal so groß wie unseres zuhause. Wie in Frankreich üblich sind Laken und Bettdecke so stramm unter die Matratze gezogen, dass man erst mal tüchtig mit den Füßen strampeln muss um sich den nötigen Freiraum zu erkämpfen. Für ein erholsames Nickerchen sinke ich in ein dickes, weiches Kopfkissen…

Vor dem Abendessen ergehen wir uns im weitläufigen Garten nebst Tennisplatz. Wahnsinnig viele Vögel sind im dichten Grün unterwegs. Ja, auch singende Nachtvögel gäbe es hier, versichert uns der Hausherr stolz. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Eine Dame ruft uns à table. Da ist auch wieder der andere Gast, ein junger Herr aus Lyon. Auf Geschäftsreise. Der Traum jeder Schwiegermutter. Gespeist wird mit Monsieur und Equipe, einfach aber schmackhaft. Highlight ist das leckere, hausgemachte Brot. Auf ebenfalls hausgemachte Desserts folgt eine umfangreiche Käseplatte, welche der Gastgeber eingehend erläutert. Der Rosé stamme aus dem Languedoc. Gutgelaunt entscheide ich: Ein, zwei Gläschen können nichts schaden. Die Unterhaltung verläuft kultiviert, Französisch, Englisch, Deutsch, wie´s gerade passt. Ich erkläre, woher das schwedische skål kommt, rufe damit – wie immer – angenehmes Schaudern hervor. Der Wein dreht mich auf, ich schlafe schlecht. Was aber nicht an der außergewöhnlichen Unterkunft liegt. Höre ich da jemanden seufzen? Schleifen schwere Kutten über den steinernen Boden? Gar Ketten? Meine Phantasie wird durch solch geschichtsträchtige Gemäuer angeregt; ich kann nichts dafür. Hoffe, es war nur der Gesang der Nachtigall, die sich vielleicht verkühlt hat, somit nicht in stimmlicher Höchstform tirillierte.

Beim Frühstück treffen wir ihn wieder, den schon in jungen Jahren weltgewandten Herrn aus Lyon nebst einem Paar aus Belgien. Alle bestens ausgeruht und frisch wie der junge Tag. Reisetipps werden ausgetauscht, Bonne route gewünscht. Man wird sich wohl nicht wiedersehn, aber interessant war´s trotzdem, obwohl ich ja so meine Small-Talk-Bedenken hatte. Alter Schwede!

Prieuré Aydoilles Épinal
Dachs, pass auf…

Heute bin ich dran mit den Ideen für´s Sich-treiben-Lassen. Nicht schlecht, nach gerademal drei, vier Stunden Schlaf. Mein Mann gibt mit den Reiseerlebnissen vom Vortag an. Das soll ich erst mal toppen! Nun denn: Die Landschaft hinter Epinal ist nicht spektakulär, mutet eher wie ein großer, zusammenhängender Garten an. Aber ein schöner. Eine verflixte Umleitung, die uns immer wieder in dasselbe Dörfchen lenkt, bringt mir Punktabzug. Obwohl ich es liebe über klitzekleine Sträßchen zu kutschieren, möchte ich hier nicht mein restliches Leben verbringen. Mein Mann wird ungeduldig (Punktabzug!). Und so rauschen wir – Umleitung hin oder her – einem beherzten Einheimischen durch die gesperrte Straße hinterher, Richtung Belfort. Ich wühle in den Tourismusbroschüren. Wo seid ihr, ihr besonderen, niegesehenen Highlights? Erspähe ein kleines Schild. Die Eingebung. „Lass uns nach Plombieres-les-Bains abbiegen!“, meine ich betont beiläufig, „Da soll es einen terrassierten Garten geben.“ Eine lange Promenade erstreckt sich rechts und links der Hauptstraße, ziemlich bald links geht es zu den Jardins en terrasses.  Joj!, da hat sich jemand verwirklicht. Ein Hort der Phantasie, voll mit Gewürz- und Zierpflanzen, mit (Binsen-)Weisheiten auf kunstvoll arrangierten Täfelchen und Steinen gespickt. Wir kraxeln über relativ planlos erscheinende Wege (so wäre das auch bei mir geworden), steigen auf Steinmäuerchen. Gesamteindruck: Pittoresk. Ein paar (etwas) rauchende Jugendliche lungern im Schatten eines Steinhäuschens, lauschen den Ausführungen einer Dame über naturgemäße Gelee-Herstellung. Hummeln delektieren sich an purpurnen Sonnenhüten, Schmetterlinge tanzen durch die Luft, Vögel schwirren in Bodennähe: Der Garten hat Seele, leitet zudem in schöne, gut gekennzeichnete Wanderwege über, die vielleicht auch mit Kindern respektive mit mir zu bewältigen sind?!?

Wir spazieren wieder ins Tal hinab, unter uns eines der zahlreichen Thermalbäder des lothringischen Teils der südlichen Vogesen: Voilà, Plombières-les-Bains. Die Stadt der tausend Balkone. Eine Kleinstadt mit Charakter. Zu den 100 Plus Beaux Détours de France, den 100 schönsten Umwegen Frankreichs zählend. Bereits vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. von den Kelten bevölkert. Und wer anders als die Römer mit ihrer Vorliebe für´s Planschen in warmem Wasser baute hier vor 2000 Jahren die erste Therme? Napoleon III, Kaiserin Josephine, Voltaire und Beaumarchais kurten hier. Verträge wurden im Glanze klassizistischer Architektur unterzeichnet und mit einem Glas Crémant d´Alsace besiegelt.

Doch gemach: Plombieres-les-Bains ist ein Kurort, eine station anti-stress, auf der Routes des Bains mit dem verblichenen Charme der Jahrhundertwende. Umgeben von Vogesenausläufern lockte er selbst die Pariser Hautevolée mit seiner guten Luft und den Anwendungen gegen Rheuma und Frauenleiden. Das Römische Bad und Spa-Zentrum Calodaéd: Das sind noch heute Waldeslust, Vogesenduft, heilendes Quellwasser, Wellness, Wohlbefinden und Schönheitssalons. Das Spa, durch Napoleon III. erbaut, ist ein architektonisches und historisches Juwel, das seinesgleichen sucht. Interessant finde ich die sechstägige Schnupperkur in den noch völlig intakten Anlagen. Weitere Infos (auch in Corona-Zeiten) findet ihr hier.

Plombières_les_Bains Vosges
Kurgäste
Shopping in Plombières
Entspanntes Shopping in Plombières-les-Bains

Und als wäre solche Pracht nicht genug, gibt es zudem einen Miniaturen-Park, eine Gulliver-Welt also mit berühmten französischen Bauwerken, einen Abenteuerpark, Botanische Lehrpfade und hübsche Wanderstrecken. Außerdem finden Musikfestivals statt. Zwar sind die goldenen Zeiten des Kurhauses, das jetzt ein Kino beherbergt, vorbei, doch über den Platz wehen weiterhin klassische Klänge und jene aus den Roaring Twentys. An der Fassade prangen großformatige Fotos aus den Fünfzigern und Sechzigern: Die Großen der französischen Musikgeschichte. Alle sind sie hier aufgetreten. In Petticoat und Perlenkette. In Smoking und gewienerten Lackschuhen. Überhaupt scheint hier eine kleine Stadt erfolgreich dem Bädersterben zu trotzen, indem sie ein wahres Füllhorn an charmanten Ideen über den immer noch zahlreichen Touristen auskippt.

Aus der Blütezeit
Die Renommiermeile in ihrer vollen Blüte

Die verblichene Pracht der Häuser am Ortseingang täuscht. Ihr denkt vielleicht: „Hier müsste mal renoviert werden.“ Ja, stimmt, aber fahrt weiter bis zu dem ersten Platz an der Kirche und trinkt erst mal einen Kaffee in einem der Restaurants. Und dann macht euch auf Richtung Kurhaus, wo sich das Städtchen zusehends „verjüngt“, bis ihr euch in dem charmanten kleinen Zentrum à la Marienbad mit heiterem Flair samt recht kuriosen Läden wiederfindet. Wer sich traut, kann die Altstadt auf dem Rücken eines Pferdes auf sich wirken lassen, geführt von einer Fremdenführerin mit Cowboyhut. Ich sagte doch, es ist kurios.

Plombières les Bains Orangerie

Von der im klassizistischen Pomp gehaltenen Orangerie klingt leises Gläserklirren und Besteckgeklapper herüber. Für 18,50 bekommt man auf der Terrasse oder im schier umwerfenden Speisesaal unter den Blicken gestrenger Damen und Herren aus Gips sowie ausladendem Kristalllüster ein Drei-Gänge-Menü vom Feinsten serviert. Der Service ist aufmerksam, kompetent und äußerst freundlich. Der Herr am Empfang des angeschlossenen Hotels lässt es sich nicht nehmen unseren Dackel zu streicheln. Das ist nett und nicht selbstverständlich. Im Foyer sichte ich einen goldenen Gepäckwagen, Marke Hallo? Hotel Sacher, Portier! Logiert man hier, empfiehlt sich eine wohltuende Wellness-Behandlung. Ein schöner Weihnachtsmarkt im November gehört ebenfalls zum festen Repertoire Plombières. Werde versuchen meinen Mann zu einem eintägigen Kurzurlaub im nahenden Winter in just jenem Etablissement zu überreden. Plombieres-les-Bains ist ja so cool! Yeah!

Hat mir weitaus besser gefallen als Luxeuil-les-Bains, obwohl dieses mit Renaissance-Bauwerken und ebenfalls mit Wellness und Badefreuden wirbt. Wir sind jetzt zwei Tage unterwegs und haben schon so viel Unterschiedliches gesehen. Betrachten wir es als Stippvisite, die Lust auf einen längeren Aufenthalt macht.

Plombières les Bains Centre
Kurbad Plombières les Bains Vosges

Wir haben sozusagen eine Kehrtwendung hingelegt, Richtung La Bresse, befinden uns jetzt in den sagenhaften Hochvogesen mit ihren herrlichen, atemberaubenden Ausblicken. Alpin, nur ohne Schnee. Unser Ziel ist Gérardmer. Die bunten Vogesenhäuschen weichen Chalets aus grauem Stein und Holz. Im mondänen Gérardmer herrscht gediegener Betrieb. Man trifft sich zum Essen, lustwandelt am See. Am nächsten Morgen werden wir per Tretboot den Lac de Gérardmer erkunden, wegen der sengenden Sonne aber nicht mal die halbe Stunde schaffen. Eiii, meine Knie! Oh nein, wir werden älter! Schnell noch ein Geschenk für die Schwiegereltern. Das ist knieschonend und macht Spaß. Als Wäsche-Hauptstadt ist der Kauf einer Tischdecke, eines Nachthemdes oder edler Bettwäsche geradezu ein Muss. Werde den flotten Schlafanzug für die Schwiegermutter in ein knallrotes Geschirrtuch einschlagen, wobei letzteres entschieden sinnlicher ist als ersteres. Sorry, der Schwiegervater geht diesmal leer aus. In doppelter Hinsicht, hi! Aber noch ein Schlafanzug von LinVosges wirkt irgendwie nicht so prickelnd. Für die ebenfalls edlen Tisch-, Bett- und Nachtwäscheprodukte der renommierten Marke Blanc des Vosges fehlt meinem Mann leider der Sinn und die Geduld. Nehme an, er knabbert noch an der Bilderflut von Èpinal. Haben wir das wieder gespart.

Wunderschön: Lac de Gérardmer

Übernachten und hervorragend essen können Shoppingmüde in der Auberge du lac in Xonrupt-Longemer, nur ca. fünf Minuten vom Zentrum Gérardmers entfernt. Die Zimmer des familiengeführten Hotels sind einfach, der Service super. Die hellen, modernen Gasträume mit alpenländischem Charme geben dem Gast, was er sucht: Gemütlichkeit samt Vogesenfeeling. Staubige Kupfergefäße oder jahrhundertealte Strohblumen-Arrangements sucht man hier – Gott sei Dank! – vergebens. Leute mit Hund sind übrigens herzlich willkommen.

Besonders die Nachspeisen sind üppig und extravagant. Selbst eine Kugel selbstgemachtes Mirabellen-Eis mit Sahne kommt so opulent wie inspiriert daher, dass es eine Augenweide ist. Und die „kleine“ Portion Choucroute garnie bzw. Salade Vosgienne packe sogar ich. Bei einem Spaziergang um den Lac de Longemer könnt ihr das reichhaltige Mahl abtrainieren und sogar schwimmen gehen. Außerdem lässt sich Überschüssiges auch bei einer Partie mit dem Tretboot abstrampeln. Jetzt in der Nachsaison wirkt die Freitzeitanlage recht beschaulich. Im Sommer steppt der Bär am Strand mit Eisbüdchen und Waffeln mit Sahne. Im Winter locken weiter oberhalb Skifreuden.

Wir sind wieder on the road. An den Hotspots Col de la Schlucht, Lac Blanc, Lac vert usw. vorbei. Karge Landschaften, Krüppelkiefern, Skilifte, Rodelbahn, wahnsinnige Ausblicke über die Hochvogesen.

Wieder ins Tal. Hinter Saint-Dié-des-Vosges wird die Landschaft wieder interessant, sommerlich, lieblich. Entzückende kleine Weiler mit Namen wie La grande Fosse laden zum Verweilen ein. Die Jardins de Callunes, Gärten der Besenheide, in Ban-de-Sapt werden unser letzter Halt sein. Sie erstrecken sich über 4 ha und sind – laut garteneigenem Flyer – in acht verschiedene Landschaftsbereiche unterteilt:

  •     Der Kiefernhain
  •     Der Heidegarten
  •     Der Staudengarten
  •     Der blumenreiche Graben
  •     Das Tablett
  •     Der kleine Bergsee
  •     Der große Steingarten
  •     Der Steinbruch

Sich zwischen einer Müllkippe und einer Gartenanlage zu entscheiden fiel den Dorfbewohnern nicht schwer. Unter der Regie des Gartenbauarchiteten Jacques Couturieux realisierte die Kommune zwischen 1994 und 1996 in dem verträumten Vogesenörtchen einen Landschaftsgarten für wahre Pflanzenenthusiasten. Auf einer Höhe von 550 Metern. Schon im Jahr der Eröffnung heimste dieser den ersten Preis für Gärten und Parks Lothringens ein.

Hunde sind leider verboten. Ich versuche es trotzdem. Schließlich ist der Dackel ein (Garten-)Zwerg und die Tasche extra für derartige Gelegenheiten konzipiert. Bleibt der Hund auch in der Hundetasche? Sûre? Versprochen. Na dann. Der freundliche Herr erlaubt´s, indem er uns einen Wegeplan in die Hand drückt. Über einem kleinen Gebirgssee summt es, das dazugehörige Bächlein gluckst und gluckert munter vor sich hin. Wilde, zauberhaft gewachsene Eichen gibt es hier, einen Kiefernhain, Rhododendren, Hortensien, einheimische Stauden, Berglorbeer und natürlich Heidekräuter. Ein Garten der Kontemplation, der Ruhe. Bänke laden zum Verweilen ein. Es zwitschert. In der kleinen Restauration kann man Kaffee trinken, im Lädchen gibt´s Nachhaltiges: Vogelhäuschen, Blumenzwiebeln, Pflanzen, Marmelade, Gartendeko im angesagten Rost-Style. Man wirbt um Unterstützung, denn so ein Terrain muss gepflegt werden. Deshalb sind die selbst gezogenen Pflanzen, die verkauft werden, einen Tick teurer, allerdings auch an schwierige Gartenwelten aklimatisiert. Im Frühling kommen wir wieder. Vielleicht zum Rhododendron-Fest. Denn zu Ehren der Pflanzen finden hier auch verschiedene Events statt. Doch nicht nur die Jardins de Callunes sind sehenswert, auch die freundlichen, bunten Dörfchen in der Gegend um das Vallée du Hure sind für all jene, Abgeschiedenheit, Natürlichkeit und Ruhe suchen. Außerdem lockt ein weitverzweigtes Netz von Wanderwegen. Übernachten kann man im Logis Hôtel Restaurant des Roches in Saales oder La ferme de Marion in Ban-de-Sapt bzw. diversen Gîtes.

jardins de callunes Vogesen Saint Dié
In den Jardins de callunes

Über Schirmeck, Niederhaslach, Oberhaslach, Cascade de Nideck fahren wir zurück nach Wangenbourg. Aber das ist eine andere Geschichte. Unser Häuschen steht noch. Der Dackel freut sich, dass er wieder ohne Leine rennen darf. Sind total fertig, bipp und alle. Nächstes Mal nehmen wir uns wenigstens Zeit für ein Mittagsschläfchen. Aber schön war´s trotzdem!

Und das sagt mein Mann, der häufig mit seinem leuchtend gelben Motorrad unterwegs ist: „Normalerweise fahre ich über die D44 den Donon hinauf. Hinter Saint-Quirin lohnt es sich aber die D 993 zu nehmen, die quasi parallel zur normalen Motorradstrecke verläuft, Richtung Turquestein/Blancrupt. So kommt man auf direktem Wege zum Lac de la Plaine und weiter auf landschaftlich schönen Strecken nach Épinal, Plombières-les-Bains. Gérardmer sowie durch die Hochvogesen mit ihren Bergseen.“

Plombières_les_Bains Vogesen Vosges
Holladihiiija

War jedenfalls eine super Idee mal so zu fahren, da dieser Weg abseits der üblichen Touristenströme liegt, jedoch mit herrlichen Landschaften überrascht.

Der darf ja nicht fehlen!

Seht´s euch an!

Eure Stina

La Paloma ohé – Wir sehn uns wieder am Étang de Lindre

Mehr als einen Flügelschlag, nämlich zwei Anläufe, brauchten wir, um uns den sagenumwobenen Étang de Lindre zu erwandern. Das erste Mal kamen wir gerade bis Tarquimpol, bis uns heftiger Regen und Wind ins sichere Auto zurück trieben. Ein Kommentar zu meinem Artikel über Gondrexange hatte uns neugierig gemacht. Untote Mönche, Wassergeister… Riefen uns da nicht die lothringischen Nebel von Avalon? Leider hatten sie nichts von einem Regenschirm gesagt.

Man muss sie mögen, diese Landschaft. Manche werden murren: Zu eben, zu wenig los, zu viele Schafe. Ja, all dies trifft auf das Pays Saulnois zu, das, so lesen wir, touristisch wenig zu bieten hat. Außer man steht auf eben „zu wenig los“ und mag Schäfchen, die bei Regen zugegebenermaßen eher traurig daher trotten, im Sonnenschein aber übermütig von Löwenzahn zu Gänseblümchen hüpfen. Wenn ich echt mal in mich gehen möchte, dann ist dieser Landstrich genau das Richtige. Schon stelle ich mir vor, wie der Wind bauchige, anthrazitfarbene Wolken übers Land treibt, während ich mich, den Mantelkragen hochgeschlagen, gegen peitschende Herbststürme stemme. Ganz allein auf weiter Ebene und, sagen wir, zwanzig Jahre jünger. Die Gischt vom nahegelegen See peitscht mir ins Gesicht. Marke Dartmoor. Hund von Baskerville. Irgendein alleinstehender, gutaussehender Graf harret meiner hinter einem Ginsterbusch, damit er mich halbverhungert zum Tee und süßen Petitfours einladen kann. Über mir rauschen Wildgänse mit schrillem Schrei gen Süden… Aber noch ist Sommer. Marke Grillgut und Dosenbier.

Daran ändert auch das jäh auftauchende Schloss nichts, das, wenngleich geraniengeschmückt, wunderbar in diese introvertierte, bei Regen dezent düstere Szenerie passt. Wen wundert´s, dass in jenem Château ein Esoteriker namens Stanislas de Guaita (1871-1922) das diffuse Licht der Welt erblickte um späterhin den kabbalistischen Rosenkreuz-Orden zu gründen. Heute, beim, wie gesagt, zweiten Anlauf, wirkt das Château keineswegs düster, sondern äußerst gastfreundlich. Fürstlich übernachten soll man hier können, exklusives Frühstück inklusive, bevor man zu einer Wanderung oder Radtour auf dem Circuit des étangs aufbricht. Wenn man den Hausherrn schön bittet, so erfahre ich aus dem wunderbaren SR-Beitrag von Natalie Weber, erzählt er das eine oder andere gruselige Schmankerl aus der Region. Das Château d’Alteville gehört zu dem kleinen Örtchen Tarquimpol, das am Südufer des Étang de Lindre, auf einer Halbinsel gelegen ist und zum Parc naturel régional de Lorraine zählt. Bei knapp 65 Einwohnern, plus/minus, und einem (hoffentlich) in Frieden ruhenden Esoteriker, steppt hier nicht gerade der Bär. Dicht an dicht drängen sich die putzigen Häuschen im typischen lothringer Graubeige. Einzige Farbtupfer: Die bunten Fensterläden und Türen. Und die üppigen Geranien. Irgendwie bretonisch. Irgendwie maritim. Irgendjemand muss hier leben, sonst würden ja die Blumen vertrocknen. Wir aber treffen nur einen struppigen Hund mit Schielauge, der sich von uns streicheln lässt. Das Dorf ist, wie der Hund, die Ruhe selbst. Um die archäologischen Details zu erkunden, die sich in Hauswänden, Torbögen etc. verstecken, wollen wir wiederkommen. Am Ortseingang wacht, rund und massiv wie ein Bergfried, die für Lothringen sehr untypische Dorfkirche. Dann gibt es eine Rue du théatre, die doch tatsächlich auf eines der größten Amphitheater Galliens hinausläuft, welches allerdings nur aus der Luft auszumachen ist. Tarquipol liegt nämlich an der alten Römerstraße von Metz nach Straßburg, und so konnten hier schon mal 12.000 Zuschauer bei Spiel und Spaß an frittierten Otternasen knabbern. 1274 zum ersten Mal als „Tackempail“ erwähnt, durchlief der Weiler deutsch-französische Namensmetamorphosen, die allesamt etwas mit „Teich“ zu tun hatten. Trotzig überlebte es auch die deutsche Besatzung, indem es elegant vom plumpen „Taichen“ zum geheimnisvollen Tarquimpol zurückkehrte. So hieß es schon während des Dreißigjährigen Krieges. Sind wir froh! Denn merke: Nazis haben keine Phantasie! Und wenn, dann nur schlimme.

Im 10. Jahrhundert begannen Mönche den kleinen Fluss Seille, die umliegenden Weiher und Sümpfe aufzustauen um Fische zu fangen und zu züchten. Einmal im Jahr wird das Wasser des Teichs, der doch vielmehr ein See ist, abgelassen, wobei sich die Kanäle zur Freude der Fischer mit Karpfen, Schleien und Hechten füllen. Schon scharren internationale Archäologen mit den Füßen, können sie doch endlich nach den Relikten vergangener Zeiten gründeln. Will man allerdings etwas über Mönche wissen, die auf dem Grunde des Sees immer noch unermüdlich der Fischzucht frönen, gar lockenden Feen erliegen oder vor gottlosen Wüstlingen erschauern, muss man tief in der Volksseele graben. Oder den Schlossherrn befragen. Unter Umständen bringt mir dieser Reim den Pulitzer-Preis ein. Da! Schon wieder!

Um den eigentlichen Weiher zu umrunden, sollte man sich nach Lindre-Basse begeben. Der schnurgerade Weiler liegt ca. 3 Kilometer von Dieuze, einem typisch lothringischen Städtchen mit – natürlich – einer Bar du Centre sowie einer Bar Place, in der man seinen Apéritif genießen kann, entfernt. Ein kleines, aber feines Restaurant wirbt mit regionalen Spezialitäten. Aber davon später. Zunächst einmal fahren wir durch die unaufgeregt ebene Landschaft, die der Seele, ach, so gut tut. Links und rechts Getreidefelder, dazwischen goldene Sonnenblumen, kleine Wäldchen, die sicherlich viel Wild bergen, da Rehe und Füchse über die Straße wechseln. Lindre-Basse, ebenfalls in lässiger Beschaulichkeit, überrascht am Ende der Hauptstraße mit einem überwältigenden See-Panorama. Über uns segeln Schwalben, Störche landen auf ihren Nestern, Fischreiher gründeln nach dem, was sie halt so fressen, Enten jeglicher Couleur paddeln im Schilf. Wir blicken über den größten Fischweiher Frankreichs (620 Hektar!) samt Vogelschutzgebiet. Ein Paradies für Ornithologen, die, ausgerüstet mit Fernglas, Anglerhut und glänzenden Augen Richtung Vogel-Beobachtungs-Stand pilgern. Ein grauhaariger Herr führt mit großer Geste ein gut situiertes Pärchen in die Geheimnisse des Étang de Lindre ein. Wir vermuten, man kann ihn buchen.

Blau, grau und gelb ruht der See. Über uns der hohe Himmel, Schäfchenwolken, allenthalben Gezwitscher. SOMMER. Im Hintergrund die dunstig blaue Vogesenkette. AusflüglerInnen relaxen auf Aussichtsbänken, in der Aire-de-pique-nique wird Käse, Baguette und Wein ausgepackt. Rechts von uns liegen die steineren Fischzucht-Becken, die derzeit allerdings kein Wasser tragen, links geht´s die Staumauer – Obacht! – hinab. In entgegengesetzter Richtung befindet sich die ornithologische Kinderstube, wo Hunde keinen Zutritt haben. Wir lenken unseren Dackel also wieder Richtung Fischbecken. Zwei Wanderpfade führen um den See. Die Kurzpromenade „Sentier des Paysages“ von 1,8 sowie der etwas längere „Sentier Lindre-Tarquimpol“ von 8 km. Dabei sollte man sich immer links halten, also immer am Seeufer entlang gehen. So kommt man auch an den Beobachtungsstationen vorbei.

Der Weiher selbst blitzt nur noch ab und an durch, da Waldpassagen und Schilf ihn verdecken. Ist aber trotzdem schön. Nimmt man ein Stück wenig befahrener Straße in Kauf, kann man also bis nach Tarquimpol wandern, muss dann aber wieder umdrehen, denn es handelt sich nicht um Rundwanderwege! Für Wissensdurstige gibt es das Centre piscicole, das Fisch(erei)-Zentrum in Lindre-Basse gegenüber der Staumauer, das Spannendes und Wissenswertes über lokale Geschichte, Traditionen, kulturelles Erbe, Umwelt, Natur und touristische Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Enthusiasten hängen noch 3 Kilometer dran um sich von Dieuze aus über den Sentier de l´étang des Esserts zu nähern. Dieuze ist übrigens eines der Tore zum wunderbaren Parc naturel régional de Lorraine. In der kleinen Stadt wurde früher Salz gewonnen. Zahlreiche Bauten wie die Porte des Salines Royales zeugen davon.

Weiter Himmel

Passend zur Salzgewinnung gibt es in Dieuze das kleine Restaurant La Poêle à Sel – Restaurant Traditionnel & Cuisine Maison mit gemütlicher Außenterrasse. Leider hat die Küche Sonntagabend geschlossen, sodass wir unseren Besuch auf ein anderes Mal verschieben mussten. Die Betreiber waren jedenfalls ausnehmend freundlich. Irgendwann also mehr dazu.

sentier des paysages Lindre-Basse
Wo sind wir eigentlich?

Also: Wenn ihr mal ein wenig Meerfeeling mitten in Lothringen genießen wollt, ist der Étang de Lindre genau das Richtige. Und die Nordvogesen sind ja auch nicht weit. Man hat sozusagen beide Extreme in unmittelbarer Nähe. I love it! Einen schönen Juli wünscht euch

Stina

Jemand mit Regenschirm

Pays des étangs – Land der Teiche

So nennt man die weitläufige, weitverzweigte Seenlandschaft, die sich im Osten Lothringens befindet. Bekannt sind vor allem Stauseen wie Stockweiher oder Mittersheimer Weiher. Sie dienen als Speicherbecken für den parallel zur Saar verlaufenden Saar-Kohlen-Kanal, der die Saar mit dem Rhein-Marne-Kanal verbindet und somit in das umfangreiche Netz französischer Wasserstraßen einbindet.

Der Étang de Lindre liegt zusammen mit 11 weiteren Weihern in der Domaine de Lindre, einer ca. 1000 Hektar großen Naturlandschaft, die aufgrund ihrer umfangreichen, einzigartigen Flora und Fauna als Teil des europäischen Schutzgebiet-Netzes NATURA 2000 ausgewiesen sind. Es steht zudem als RAMSAR-Gebiet auf der Liste des Weltnaturerbes zum Schutz von Feuchtgebieten.

Die Domaine de Lindre gehört zum Kanton Le Saulnois des Arrondissements Sarrebourg-Château-Salins. Die übergeordnete Verwaltungseinheit ist das Département Moselle der Region Gand Est.

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Wohin im Sommer? Nach Gondrexange!

Gondrexange canal kanal

Wie aus Eimern hat es letzte Nacht geschüttet. Sturm ist eine Untertreibung für das, was da gegen Türen und Fenster drückte. Wandern in den Vogesen? Fehlanzeige. Schließlich möchte man nicht wie Ödön von Horváth, seines Zeichens Dichter, von einem herabfallenden Ast erschlagen werden. Zumal auf den Champs Elysées. Was man sich nicht alles aus seinem Studium der Literaturwissenschaften behält! Oder eher: Wie wenig! Irgendwie scheint sich mir dieses, im Fluss der Weltliteratur doch eher marginale Ereignis eingebrannt zu haben. Wann immer der Wind ins Geäst fährt, denke ich: Ödön von Horvárth! Nicht: Kloppstock! Kleiner Germanistenwitz am Rande und Rätselnuss für alle, die immer mal Goethes Werther lesen wollten.

Wir fahren also ins Flachland. Juchhe! Dahin, wo es weite grüne Ebenen, schwarz-weiße Boardercollies und jede Menge Schafe gibt. Wo sich malerisch – bereits umgestürzte Eichen – in der Landschaft fläzen, ihr morsches Geäst gen Himmel strecken. Mitten im Parc Naturel Regional de Lorraine des Grand Est liegt Gondrexange. Etwa 10 km von Sarrebourg erstreckt sich die lothringische Seenplatte: Le Pays des étangs. Ein Eldorado für Wassersportler, Wanderer und maritime Vögel aller Art. Wir parken vor dem Campingplatz in besagtem Gondrexange, einem Örtchen, das aufgrund der eierschalengelben, lachs- und rosagetünchten Häuser – nicht wenige mit südländischem Schrägdach – selbst an einem 1. März mit sonnigem, fast mediterranem Charme unser Herz erwärmt.

Hauptattraktionen sind der Rhein-Marne-Kanal sowie der ausladende See, dessen älteren, kleineren Teil wir zu umrunden gedenken. Vom Parkplatz aus gehen wir ein paar Meter zurück Richtung Hauptstraße, überqueren die Kanalbrücke und biegen dann rechts auf den prima asphaltierten Treidelpfad ab. Immer geradeaus, dem Kanal folgend, vorbei an kleinen Teichen, auf denen gemütlich mancherlei Seevögel paddeln. Schwäne fliegen malerisch über uns hinweg. Schließlich überqueren wir eine grüne Eisen-Brücke. Ca. 150 m weiter klettern wir rechterhand einen kleinen Abhang (1 m) hinauf und folgen dem Pfad durch lichte Buchenwälder, vorbei an sattgrünen Wiesen – Dänemark lässt grüßen.

Ja, es ist matschig. Aber wen stört das, wenn der Liebste Sandwiches und einen verdammt heißen Kräutertee mit Honig aus dem Rucksack zaubert? Zufrieden knabbern wir als krönenden Abschluss unsere mitgebrachten Schokokekse. Am strahlend blauen Himmel segeln weiße Wolken. Ist sie da, hat die Sonne schon richtig Kraft. Zu unseren Füßen sprießen Gänseblümchen, Löwenzahn und strahlend blauer persischer Ehrenpreis. Das ist doch mal ein Frühlingsanfang, wie er im Buche steht! Wie ihr vielleicht wisst, bin ich Enid-Blyton-geprägt. Ja doch, diese altmodische englische Kinderbuchautorin. Ihre Fünf-Freunde sind mir nun mal so ziemlich als erstes literarisches Produkt über den Weg gelaufen. Wie dem Gänschen der Konrad Lorenz. Und so denke ich, wenn ich an Wasser mit Schilf, ausgedehnten Weideflächen mit Schäfchen, und Dörfern mit spitzem Kirchturm vorbeikomme: The famous five, oder einfach fem-böckerna, wie sie auf Schwedisch heißen.

Illustration Gerda Raidt
Wunderbare Illustration von Gerda Raidt aus Enid Blytons „Fünf Freunde meistern jede Gefahr“, Verlag: cbj

Im Hintergrund die blauen Berge, Les Vosges. Wenn das nicht nach Geheimnis riecht! Hier wäre ich auch gerne mit besten Freunden plus Fahrrad entlanggeradelt, hätte Unlauteres aufgespürt um mich abends an Tee und Käsebroten gütlich zu tun! In Sicherheit, bei Mama! Kinderdetektivische Ermittlungsarbeit also, bevorzugt ohne näheren Verbrecherkontakt mit einhergehender Gehirnerschütterung. Wir erinnern uns? Ödön von Horváth…?

Die Landschaft strahlt Weite, Gelassenheit aus. Unser Schritt entschleunigt sich. Es gluckert und plätschert allenthalben. Im April, Mai werden kleine Entenküken auf der gekräuselten Wasserfläche erste Ausflüge wagen. Die Teiche wurden übrigens im Mittelalter von Mönchen zur Fischzucht angelegt. Wären wir, anstatt abzubiegen, geradeaus gegangen, hätten wir den Port du Houillon, seines Zeichens ein Hafen für Freizeitkapitäne, einen sogenannten Port de Plaisance, erreicht, an dem im Sommer rund um die kleine Restauration, den Boots- (ohne Führerschein!) und Fahrradverleih (elektrisch!) munteres Treiben herrscht. Er liegt übrigens am wunderschönen Canal des Houillères de la Sarre, dem Saar-Kohle-Kanal, der ab 1866 zum Transport von Steinkohle diente.

Nach ca. einem Kilometer ebenen Geländes gelangen wir an unseren Ausgangspunkt zurück, den Campingplatz. Mit hauseigenem Plage, auf dem ein einsames quietschgelbes Schippchen liegt. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Dann werden hier wieder Kinder spielen und ihre neuen Schwimmflügel testen. Es wird nach Eis- und Sonnencreme duften. Vielleicht sogar nach Kokos. Jemand wird eine Zigarette rauchen und der Rauch zu uns herüberwehn, von irgendwoher dudelt ein Radio. Auch das gehört dazu. Jedenfalls zählt Camping-Urlaub zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Aufbleiben, bis man vor Müdigkeit auf die Liege kippt. Füße erwursteln sich angenehme Positionen in einem Schlafsack, der immer zu kurz scheint. Draußen am Wäscheseil hängen die nassen Badesachen zum Trocknen. Dumm, dass es heute Nacht regnen wird. Jeden Morgen mit Luftmatratze und Schwimmtier an den Strand. Abends Würstchen vom Grill und Kartoffelsalat. Nudelsalat kam später. Wann ist noch mal die Disco im Dorfgasthof?

Wieso eigentlich muss der Nachwuchs von frühster Jugend an auf Fernreise? Nachhaltiger, oft kreativer kann doch ein Aufenthalt in der Nähe sein. Vielleicht nicht mehr, wenn die Kleinen von überspannten Resort-Animateuren bereits auf Hochleistungs-Freizeitler getrimmt worden sind. Kommt auf die Déformation touristique der Eltern an. Diese Reiseziele im lothringischen Naturpark klingen doch auch gut: Tarquimpol, Rhodes, Langatte. Ersteres ist zudem ein Hort mystischer Erzählungen und eine Fundgrube für Archeologen. Wer möchte nicht der Sage von den Mönchen lauschen, die im Étang de Lindre leben? Maritimes liegt so nah! Brauche eine Kapitänsmütze!

Was kann man hier also für einen gelungenen Urlaub tun? Wandern, Kanu, Barke und Tretboot fahren, zelten, Würstchen braten, eine urige Kota mit rot-weiß-karierten Gardinen mieten, Rad fahren, Vögel beobachten, fischen, schwimmen, sich zum ersten Mal verlieben, Wölkchen zählen, windsurfen, sich nochmal ineinander verlieben, einen Ausflug in die Vogesen unternehmen, Krimis lesen, Boule spielen, Pastis trinken, Tennis spielen, an einem Strohhalm kauen, nichts…

Das Restaurant de la Plage, ehedem übrigens ein sehr gutes, dabei preisgünstiges, hat leider dauerhaft geschlossen. Manno! Der Kota-Grill öffnet wohl erst mit Beginn der Kota-Vermietung. Die Bäckerei L´Ami du pain wird hochgelobt, glänzt mit Spezial(!)-Brot und süßen wie herzhaften Teilchen, öffnet aber erst im März. Wer schon jetzt Hunger hat: Chez Petit Jean im vier Kilometer entfernten Héming macht einen soliden Eindruck. Lasst euch von der dortigen Zementfabrik nicht abschrecken. Denkt Camelot, wehrhafte Burg. Die Leute müssen ja irgendwo ihre Flûtes verdienen. Denkt Moules Frites. Im Seengebiet – früher beliebte Sommerfrische für stressgeplagte Saarbrücker – besitzt jedes Dorf sein kleines Café-Restaurant, wenn nicht sogar einen Gourmet-Tempel.

Ach ja: Hunde sind am Strand leider nicht erlaubt. Dann wandern wir eben mit Nuri und tauchen unsere Zehen woanders in den See.

Übrigens führt der berühmte Fahrradweg EuroVelo 5 über die Treidelpfade des altehrwürdigen Saarkohle- sowie des Rhein-Marne-Kanals. Für eine mehrtägige Tour könntet ihr also in der Keramikstadt Sarreguemines einsteigen um dann durch das pittoreske Saartal über das Krumme Elsass den Parc naturel de Lorraine zu durchcruisen, bis bei Gondrexange der Canal de la Sarre mit dem Canal de la Marne au Rhin zusammenfließt.

Highlights in der Umgebung: St. Quirin, eins der schönsten Dörfer Frankreichs, zudem ein alter Pilgerort mit herzallerliebsten Kanälchen. Sieben Sakralbauten, Les sept roses genannt, zeugen von der bewegten Vergangenheit des Dorfes, lassen sich auf dem gleichnamigen Circuit erwandern. Rundherum gibt es weitere Wanderstrecken, auf denen sich Gallo-Romanisches entdecken lässt. Essen kann man etwas teurer im Restaurant du Prieuré und auch wohnen. Reservierung nicht vergessen!

Abreschviller steht ganz im Zeichen des Waldes. Nach einer ruckelig-romantischen Tour mit dem Train forestier, einer dampfgetriebenen Waldeisenbahn, durch das Tal der Roten Saar, könnt ihr hier formidabel, ebenfalls mit Vorreservierung, in der Auberge de la Forêt speisen. Wenn ihr den – ziemlich authentischen – Indianerangriff, mit dem Einheimische in den Sommermonaten Touristen erschrecken, überlebt… Die Fahrt in der liebevoll gestalteten Museumsbahn macht großen wie kleinen Kindern Spaß. Wissbegierige lernen bei einem Film, was die Eisenbahn hier früher so transportierte. Zwei große Kioske mit Sitzgelegenheit sind angeschlossen. Kauft euch ein Eis, zieht die Badesachen an und kühlt euch im Weiher um die Ecke ab. Abreschviller selbst ist übrigens ein hübscher Ort mit einer wunderbaren Gîte. Es gibt mehrere Wohneinheiten, auch für größere Gruppen. Bei schönem Wetter kann man im Garten einem munteren Bächlein lauschen. Wohnen und sehr gut essen könnt ihr auch im Hôtel du Charme Les Cigognes. Bei schlechtem Wetter reizt ein Innenpool.

Super Tipps rund um die Region findet ihr hier.

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Entenbildchen, Layout-Elemente von Canva, zusammengebastelt von mir. Alle anderen Fotos in diesem Beitrag von Stina. Beitragsbild von Stefan Strauß.

Schönen Urlaub wünscht euch

Stina

Kleine Notiz vom sturmumtosten Struth

Krokus vogesen
Struth Nordvogesen vosges du nord

Der Wind bläst kräftig an diesem Freitagnachmittag Anfang Februar. Mit einem kleinen Spaziergang ins Wochenende starten, das wollten wir. Zufällig passierten wir Struth, ganz in der Nähe des elsässischen Vorzeige-Örtchen La Petite Pierre, der kleine Stein. Struth also. Gerade mal 251 Einwohner. Und dennoch ein ganz besonderes Dorf. In zweierlei Hinsicht: Hier gibt es eine Synagoge sowie einen Garten der Steine. Angelegt von Monsieur Pierre Richard – nein, nicht dem Pierre Richard. Eine ganze Menge Steine also, und damit scheinen bei Weitem nicht alle Geheimnisse des Dorfes gelüftet zu sein.

Wuthering Heights. Die Frisur hält nicht. Wir beschließen noch ein wenig durchs Dorf zu bummeln. Beschaulich, unaufdringlich liegt es in der noch zögerlichen Februarsonne. Und recht eben. Ideal zum Fahrradfahren. Könnte auch in Norddeutschland liegen. Der Birnbaum des Herrn von Ribbeck kommt mir unweigerlich in den Sinn. Doch der ist derzeit noch kahl. Stattdessen haben sich die ersten Frühlingsblüher ans Licht gewagt: Winterlinge, Schneeglöckchen, Krokusse. Auch die Häuser und Gärten sind herausgeputzt. Windpiele in den Bäumen, fantasievoll geschmückte Blumenkästen vor den Fenstern, Gartenplastiken in Rostoptik. Man hat den Eindruck durch ein Künstlerdorf zu gehen. Worpswede lässt grüßen. Inzwischen sausen uns die Ohren. Nein, leider, ein Café finden wir hier nicht. Wir beschließen nach Hause zu fahren.

Zuhause, bei einer heißen Tasse Earl Grey und selbstgebackenem Birnen-, nein, Apfelkuchen, finde ich heraus, dass wir an dem ein oder anderen Kleinod vorbeigeweht sind. Allein die kleine Synagoge samt altehrwürdigem Friedhof sind Grund genug also einmal wiederzukommen. Vom siebzehnten Jahrhundert an lebten hier jüdische Familien in friedlicher Eintracht mit – sage und schreibe – vier anderen Religionen. Neben der kleinen neoromanischen Synagoge gab es eine jüdische Schule, heute die Mairie, sowie ein rituelles Bad. Etwas von der Weltoffenheit Struths scheint auch heute noch den Ort zu durchwehen. Doch auch hier mordeten und deportierten die Nazis, machten vielfältiger Kultur ein grausames Ende. Eine Mahnung an uns alle: Wir sollten solchen menschenverachtenden Banden keinesfalls wieder Raum in Deutschland und Europa gewähren. Wir haben die Wahl…

Die Region wirbt übrigens mit dem Slogan „L´océan c´est la fôret“ dafür in die wunderbaren Vogesenwälder abzutauchen. Wer das freundliche Ländle im Département Bas-Rhin erkunden möchte, findet eine übersichtliche Schautafel im Ort. Und dann ist da noch der Jardin de Pierre. Frankreichkenner Gerd Heger, vom Saarländischen Rundfunk, hat einen ausführlichen und schönen Artikel über diese kleine Oase der Ruhe geschrieben. Konnte allerdings nicht in Erfahrung bringen, ob der Garten im englischen Stil noch für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Aber es gibt eine Telefonnummer. Gleiches gilt für die Synagoge. Mehr über sehenswerte Gärten im Elsass erfahrt ihr auch hier.

Übernachten kann man in dieser Ferienwohnung. Leider habe ich kein Gasthaus entdeckt. Aber im Umland gibt es reichlich. Mit dieser kleinen Notiz möchte ich euch lediglich inspirieren einmal absteits der Pfade zu wandeln. Die kleinen Struths rechts und links des Wegs zu entdecken. Haltet die Augen offen. Braust nicht einfach so durch.

Und hier noch ein paar Frühlingsgrüße aus meinem Vogesen-Garten. Wenn ich an einem Samstagmorgen durch das leise sprießende Grün spaziere, geht mir das Herz auf. Ein paar freche Blaumeisen zwitschern, knabbern schon an den Futterknödeln. Hie und da lugen schüchtern ein paar Krokusse hervor. Die Luft riecht samtig-frisch. Bin – wenn auch nur zeitweise – Landbewohner. Endlich durchatmen!

Schneeglöckchen
„Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute…“

Gestern habe ich Veilchen entdeckt! Und die ersten Zugvögel sind auch schon über uns hinweggezogen!

Einen wunderschönen Vorfrühling wünscht euch

Stina

Kleiner Spaziergang an einem verregneten Sonntag – Oder: Brat mir bitte keinen Storch!

Es regnet Bindfäden. Jeder weiß: Wer sich an einem nassen Sonntag auf dem Sofa herumdrückt, wird tranig und übellaunig. Außerdem gibt es Schirme und Regenjacken mit Kapuze. Wer sich jetzt nach draußen wagt, bekommt die Chance, Städte und Gemeinden von ihrer anderen, melancholischeren Seite kennen zu lernen. In unserem Falle Sarralbe.

Dabei war die kleine Stadt am Rande der Nordvogesen nie so pittoresk wie ihre elsässischen Schwestern entlang der Weinstraße. Jeglichem Puppenstuben-Klischee würde schon das riesige, hypermoderne Chemie-Werk am Ortseingang im Wege stehen. Ein schillerndes Ufo, das sich klammheimlich auf den Wiesen am Ortsrand niedergelassen hat und geblieben ist. Davor, dicht gedrängt eine Reihe unscheinbarer Ziegelhäuser. Eine Kulisse wie aus einem englischen Kohlerevier. Our house in the middle of the street. Ich assoziiere hart arbeitende Menschen, Kohlsuppe um 12 und billige Schminke für die Kleinstadt-Disco am Samstagabend. Die ältere Schwester blockiert deshalb stundenlang das Badezimmer. Das, was jeder aus der unteren Mittelschicht kennt. Im Zentrum dann eine breite Straße, gesäumt von unspektakulären Bürgerhäusern, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Kein Jugendstil, kein Fachwerk. Dafür eine neo-gotische Kirche, auf die alles hinausläuft. Die Reste eines mittelalterlichen Stadt-Tors. Warum also, um Gottes Willen, sollte man hier halt machen?

Farbig auf den zweiten Blick: Sarralbe

In Saaralbe ist nichts offensichtlich. Aber vieles liegt in der Luft. Erinnerungen an die Kindheit. Der Geruch herbstlichen Laubs auf regennassen Straßen. Das leicht muffige Odeur alter Häuser. Kleine Geschäfte. Wie aus den Sechzigern. Die Deko: Silberne Glitter-Girlanden, kleine Gipsfiguren, eine Weihnachtspyramide aus verblichenem Holz. Was der Familienschatz so hergibt. In einem kastenartigen Bürgerhaus ein Elektroladen mit spärlicher Auslage. „Wer kauft denn hier noch ein?“, frage ich mich. Ich hoffe, alle. Frankreich, wie ich es liebe. Eine Kebab-Bude leuchtet grell auf den Asphalt. Schon zum dritten Mal rasen zwei gelangweilte Jugendliche auf ihren Vélos an uns vorbei. Aus an den Lenker montierten Handys wummert arabischer Techno. Mein Mann und ich lustwandeln. Plitsch, platsch.

In Sarralbe gibt es kein Das-muss-ich-sehen. Hier entdeckt man. Ist überrascht. So von La Maison des têtes, mit den gemeißelten Steinköpfen berühmter Lokal- und anderer Größen. Ein Who-is-who in Sandstein. Ob Jeanne d´Arc wirklich so ausgesehen hat? So unheroisch. So normal? Wir folgen einem Wegweiser: Moulin. Schmuckloser Beton ragt vor uns auf. So gar nicht Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Ehrlicher. Hier geht´s nicht weiter. Wieder zurück. Die kleine Stadt macht auf sich aufmerksam. Dezent, detailverliebt, poetisch. Man muss sich schon ein bisschen anstrengen, um Illustres zu entdecken, den Hals recken – auf der mittelalterlichen Porte d´Albe dreht sich eine zierliche Nixe als Wetterfee. Und fast übersieht man die ins Trottoir eingelassenen Metall-Vignetten, die den Parcours des Cigognes anzeigen.

Der Storch also. Genauer gesagt: der Weißstorch. Protagonist unzähliger Märchen, Mythen, Fabeln, Bauernregeln vom Orient bis nach Skandinavien. Seit 1871 Symbol für das Elsass und der Topseller in Souvenir-Läden. Und nein, die lothringischen Autokennzeichen der Region 54 tragen keine drei übereinander fliegenden Bumerangs, sondern stilisierte Störche. Ehemals, so erzählt eine Legende, sei er ganz weiß gewesen. Als er aber ein Schlachtfeld überflog, soll er – aus Trauer über dieses Abbild überbordender menschlicher Dummheit und Grausamkeit – Gott gebeten haben, seine Schwingen in Asche tauchen zu dürfen. Ein tiefgründiger, mystischer Vogel. Sein poetischer Zweitname Adebar beziehe sich – so erfährt man auf einer der Schautafeln – auf Hulda, die germanische Göttin von Liebe, Fruchtbarkeit aber auch Tod. Man denke an das pädagogisch zwiespältige Märchen von Frau Holle. Ich meine, ich bin ja auch nicht gerade ein Putzteufel und möchte deshalb trotzdem nicht mit irgendwelchen ekligen Substanzen übergossen werden…

Wer im Frühjahr den Störchen bei der Aufzucht ihrer Jungen zusehen möchte, kann einen der zahlreichen Storchen-Parks im Grand Est besuchen. Oder eben den Parcours der Störche in Sarralbe durchlaufen. Über einem Storchen-Nest wurde sogar eine Webcam installiert. Seit jeher gilt der Storch als Symbol elterlicher Liebe und Fürsorge. Er bringt ja auch die Kinder. Nach erfolgreicher Lieferung sollte man sich mit einem Zuckerstückchen bei ihm bedanken. Bei unerfülltem Kinderwunsch, Achtung: Präteritum!, half es den Blick eines Storchenpärchens, am besten face to face, zu suchen. Eine Metapher für einfach mal Loslassen und Fliegen? Uneheliche Kinder wurden im Elsass gerne mal in Feuchtgebieten gefunden, also dort, wo der Storch mit Vorliebe herumstapft. Als seien sie der Mutter direkt vom Himmel in den Schoß gefallen. Ich hoffe nur, dass diese wunderbare Erklärung die armen Frauen vor Schrecklicherem bewahrt hat. Ausführlicheres erfahrt ihr auf den Schautafeln entlang des Parcours, der euch auch die übrigen Preziosen des Städtchens erschließt. Das Wahrzeichen von Sarralbe ist sinnigerweise der Frosch, den man auch in der Apsis des alles dominierenden Gotteshauses findet, der Cathédrale Saint-Martin. So Gothic. So – pardon – english. 1907 erbaut. Gruselige Wasserspeier allenthalben. Halloween-Feeling. Drumherum haben sich die Blätter der Bäume gelb gefärbt. Der richtige Platz für Enid Blytons Fünf Freunde. Sicher hätten sie hier ein Geheimnis aufgespürt. Sicher wären sie abends in eins der Häuser zurückgekehrt, um sich bei heißem Tee und Butterbroten aufzuwärmen. Fehlt nur noch ein kugelrunder Bobby auf dem Fahrrad samt Custodian-Helmet. Wie habe ich diese Geschichten geliebt. Besonders die Anfänge. Die lese ich zuweilen heute noch, um mich nach einem anstrengenden Arbeitstag geistig zu entknoten. Da waren immer Ferien, und jede Menge Abenteuer in Sicht. Auf dem Boden entdecken wir endlich einen goldenen Wegweiser mit einem Storch darauf. Auf der anderen Seite des Turms wirbt ein großformatiges Plakat mit Riesen-Adebar für den kleinen Stadtrundgang. Irgendwie kommen wir vom Weg ab. Landen vor der Bibliothek. Auch so ein Kindheits-Platz. Diese hier lädt alle zum Lesen ein. En toute liberté. Wie beruhigend und schön. Dass es Leute gibt, die sich um Bücher kümmern, Phantasiewelten verwalten. Aber heute ist Sonntag. Ruhetag. Keine Revolution. Non. Pas aujourd´hui.

Hell erleuchtet eine Boulangerie-Pâtisserie. Kleine Vogelscheuchen aus Stroh, orange, braun, gelb, hocken auf der Theke. Hier drin wimmelt es von Kunden, obwohl der Rest der Stadt im zunehmenden Regen wie ausgestorben wirkt. Wir kaufen zwei wirklich süße Creme-Teilchen und traben weiter durch den Regen. Friedlich. Abgesehen von den modernen Autos könnten wir uns auch in den Sechzigern oder Siebzigern befinden. Kleinstadtatmosphäre. Erinnert an Vivejoie-La-Grande, Bennoît Brisefers Heimatstadt mit dem sinnreichen Namen. Benni Bärenstark, Starke Staffan, wie er auf Deutsch bzw. Schwedisch heißt, ist eine Comic-Figur des belgischen Zeichners Peyo, der seinem Superhelden 1960 das Leben schenkte. Ein höflicher, wissbegieriger Junge, der mit schwarzer Baskenmütze und rotem Supermann-Umhang gegen das Böse kämpft. Seine Superkräfte verlassen ihn jedoch, sobald er einen Schnupfen bekommt.

Und während ich so an den gutmütigen, mutigen Bennoît mit seiner kleinen Schwäche für Süßes denke, denke ich auch an das Erstarken der Rechten in Europa. Wie lächerlich ist es 2019 eigentlich noch, sich wegen Hautfarbe, Religion, Herkunft in die Wolle zu kriegen? Und wer glaubt wirklich, dass unter deren Knute irgendetwas besser würde? Am Ende heißt es nur: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Differenzierungen stören da gewaltig. Ich denke aber auch an die vielen Menschen, die mit offenem Herzen auf Menschen der jeweils anderen Kultur zugehen – was ein wechselseitiger Prozess ist – die beim lauten Geschrei der Rechten allerdings nicht mehr wahrgenommen werden. Was schade ist, da wir aus dem Positiven schöpfen sollten. Aus ständig propagierter Ohnmacht erwacht man nur mit üblen Kopfschmerzen. Ungenießbar für andere. Die meisten von uns wollen nicht mehr oder weniger, als allein oder mit ihren Lieben in Ruhe leben, sich frei entfalten zu können. Spießig? Vielleicht. Aber ein menschliches Bedürfnis. Allerdings: Menschen, die andere ausnutzen oder Schlimmeres gibt es überall auf der Welt. Jedweder Couleur. Auch das ist menschlich. Wie die Angst vor dem Fremden. Wir werden sie nicht verdrängen können, aber mit ihr umzugehen lernen. Die beste Methode ist, seinem Feindbild gegenüber zu treten. Seinen afghanischen Nachbarn mal zum Grillen einzuladen. In den seltensten Fällen werden wir dabei an einen Frauenmörder geraten. Eine syrische Kurdin aus meinem Integrationskurs hat eines Abends mit ihrer Familie die Matratzen in den Vorgarten geschleppt um ein Picknick zu veranstalten. Vorbeifahrenden – und fast alle blieben stehen – bot sie Tee und orientalische Süßigkeiten an. Sie liebt das Saarland, wo sie seit zwei Jahren lebt, weil die Leute hier so freundlich sind, sagt sie, und weil sie hier endlich Lesen und Schreiben gelernt hat. So geht Integration – von beiden Seiten.

Gleichwohl wurde ich, als ich in einem anderen Kurs einen ständig zu spät bis gar nicht kommenden Teilnehmenden zur Pünktlichkeit mahnte, von diesem als Nazi beschimpft. Mir blieb die Spucke weg. Ich hatte auch keine Lust, zu verstehen, was hinter dieser Verbalattacke stand. Ich war nur sauer. Aber sollte ich deswegen meine hohe Meinung über vierzehn liebenswerte Menschen im selben Kurs in den Wind schlagen? In solchen Momenten verblasst natürlich die positive Erinnerung an die Teilnehmende mit ihrem Picknick, weil sie nicht derb daherkommt. Zukunftsträchtiger, menschlich produktiver wäre sie allerdings. Genauso wie mir bleibt den „Ossis“ die Spucke weg, die derzeit nicht nur von der Presse in ihrer Gesamtheit als rechts dargestellt werden. Genauso geht es dem Araber, dem wie selbstverständlich Vielweiberei unterstellt wird. Wann geben wir endlich unser Baukasten-Denken auf und sehen stattdessen den einzelnen Menschen? Probleme müssen angesprochen werden, um sie lösen zu können. Wir befinden uns zurzeit im Bällchen-Paradies der Schuldzuweisungen. Global. Und da wird die Luft zum Atmen langsam knapp.

Ich denke an den IS, der Menschen terrorisiert, ermordet, zumindest aber aus ihrer Heimat vertreibt. Niemand verlässt so einfach sein Haus, seine Familie und setzt sich einer Traurigkeit aus, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird. Und wenn ich hier so entlang spaziere, durch diese kleine Stadt, dann merke ich, wie wichtig es ist, dass wir eine haben. Eine Heimat. Nicht jeder ist in seiner Heimat geboren. Manche verlassen sie freiwillig, manche müssen, manche wollen bleiben. Manchmal ist Heimat in einer Situation. Wir spüren sie. In einer Landschaft. Im Kreise lieber Menschen. In einer Erinnerung. In einem Traum. Wir müssen sie immer wieder suchen. Immer wieder. Zusammen.

Sarralbe ist eine französische Gemeinde im Département Moselle in der Region Grand Est. Der Ort gehört zum Arrondissement Sarreguemines und ist Hauptort des Kantons Sarralbe. Sarralbe hat 4556 Einwohner auf 27,29 km² und ist hinter Saargemünd und Bitsch die drittgrößte Gemeinde des Arrondissements. Quelle: Wikipedia

Also rein in die Gummistiefel und vergesst den Regenschirm nicht!

Eure Stina

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